Fleischatlas Regional: Vorwort

Fleischatlas Regional: Vorwort

Immer mehr Menschen möchten wissen, wie ihre Lebensmittel und vor allem das Fleisch, das sie essen, hergestellt werden. Das ist gut so. Sie stellen sich Fragen nach den Auswirkungen der Fleischproduktion auf Umwelt und Gesundheit. Sie wollen wissen, ob es bei der Futtermittel- und Fleischproduktion faire und gerechte Arbeits- und Lebensbedingungen gibt und wie die Tiere, von denen Fleisch und Wurst stammen, gehalten werden. Mehr als 80 Prozent der Deutschen sind – laut einer Umfrage des Landwirtschaftsministeriums von März 2015 – bereit, höhere Preise für Fleisch und Wurst zu zahlen, wenn sie dadurch zu besseren Haltungsbedingungen der Tiere beitragen. Nicht mehr die Preise allein bestimmen die Kaufentscheidungen, und immer mehr Menschen in Deutschland reduzieren ihren Fleischkonsum.

Das ermutigt viele unterschiedliche Initiativen, Organisationen und Unternehmen, stärker für eine nachhaltige Form der Tierhaltung und des Fleischkonsums einzutreten. Weniger ist mehr, so lautet die Devise – dafür in guter Qualität und zu fairen Preisen. Bauern, Bäuerinnen und Konsument/innen gründen gemeinsam Produktionsgemeinschaften im Rahmen der solidarischen Landwirtschaft. Züchter erhalten die alten Tierrassen. Handwerkliche Schlachtereien und Köche haben das Ziel, möglichst viele Teile vom Tier zu verwerten. Sie erwecken so fast vergessene Gerichte wie Kutteln, Blutwurst oder Zunge zu neuem Leben. Und noch ein Trend: Bauern, Schlachter und Start-up-Unternehmen schließen sich zusammen, um Fleisch von Tieren aus Freilandhaltung und aus der Region zu vermarkten, denn die Nachfrage nach solchen Produkten ist groß.

Gleichzeitig kämpfen in vielen Orten der Republik Bürgerinitiativen gegen Massentierhaltung. Sie waren in den letzten Jahren durchaus in der Lage, einige riesige Mastbetriebe zu verhindern. In Brandenburg wurde sogar ein Volksbegehren gegen Massentierhaltung gestartet.

Eines haben all diese Initiativen gemeinsam: sie wertschätzen eine bäuerliche Landwirtschaft, die zu einer vielfältigen Ernährung beiträgt, den Boden erhält und das Klima schützt. Die lebendige ländliche Räume erhalten will und für die ein achtsamer Umgang mit Tieren von besonderer Bedeutung ist. Zudem bleibt mit einer solchen Landwirtschaft die lokale und globale Gerechtigkeit nicht auf der Strecke.

Dieser positive gesellschaftliche Aufbruch steht jedoch im diametralen Gegensatz zu der Entwicklung des industriellen Fleischsektors in Deutschland, denn es werden immer neue Megaställe genehmigt. Die Bundesregierung und die Fleischindustrie setzen tatsächlich auf eine Ausweitung der Fleischproduktion und eine immer stärkere Exportorientierung. Immer mehr Schweine und Hühner finden deshalb aus deutschen Landen ihren Weg auf den Weltmarkt, während die Bürgerinnen und Bürger neue Wege des nachhaltigen Konsums suchen.

Diese Gegensätze möchte der Fleischatlas Regional aufzeigen. Er wirft den Blick in die deutschen Bundesländer und zeigt beispielhaft, wie die gesellschaftlichen Ansprüche und die Realität der Tierproduktion oftmals auseinanderklaffen. Immer mehr mittlere und kleine Betriebe geben die Tierhaltung auf, während neue Megaställe bewilligt werden – Nitratbelastung der Böden, prekäre Arbeitsbedingungen und Verstöße gegen das Tierschutz-recht inklusive. Aber der Atlas zeigt auch, dass es Möglichkeiten der politischen Gestaltung gibt. So hat beispielsweise Sachsen-Anhalt im letzten Jahr als erstes Bundesland einem der größten Sauenhalter der Republik die Haltung der Tiere verboten, nachdem gravierende Verstöße gegen den Tierschutz bekannt geworden waren.

Dadurch hat sich die Debatte um die Haltung von Sauen, die noch immer einen Teil ihres Lebens qualvoll in engen Kastenständen verbringen müssen, neu entfacht und endlich zu einer kritischen Debatte in Deutschland geführt. In Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern dürfen ab 2017 in der Geflügelhaltung keine Schnäbel und in Nordrhein-Westfalen den Schweinen nicht mehr die Ringelschwänze gekürzt werden. Beides war jahrelang gängige Praxis, da sich die Tiere aufgrund der schlechten Haltungsbedingungen sonst häufig verletzen.

All diese ersten Schritte hätte es ohne den öffentlichen Druck auf die Fleischwirtschaft nicht gegeben. Der Fleischatlas Regional liefert Daten und Fakten, die helfen, dass der politische Druck auf die Bundes- und Landesregierungen weiter wächst und eine grundlegende Trendumkehr eingeleitet wird. Der Wandel in der Tierhaltung ist keine Bedrohung für den Berufsstand, sondern eine Chance für eine zukunftsorientierte bäuerliche Landwirtschaft.

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Kommentare

In seinem Bericht "Daten zur

In seinem Bericht "Daten zur Umwelt - Ausgabe 2015" schreibt das Umweltbundesamt, "dass für die Erzeugnisse tierischen Ursprungs wie Fleisch und Milchprodukte und Eier mehr Fläche und Wasser erforderlich sind und durch sie mehr Treibhausgas-Emissionen verursacht werden als durch Erzeugnisse pflanzlichen Ursprungs" und führt als ein Beispiel die pro Kilo Rindfleisch benötigten rund 17.871 Liter Wasser an. Dies erscheine außerordentlich bedenklich vor dem Hintergrund des steigenden Futtermittelanbaus im Ausland. (Zum Beispiel hier in Brasilien mit seiner Wasserkrise im Bundesstaat São Paulo in 2015, zu schweigen von der Regenwaldvernichtung für Sojaplantagen).
Aufgrund seiner Befunde empfiehlt das Umweltbundesamt der Regierung, eine "Vorreiterrolle bei der Transformation des Ernährungssystems" einzunehmen, mit dem Ziel der "Reduzierung des Verbrauchs tierischer Produkte, insbesondere Fleisch" etwa mittels Erhöhung der Mehrwertsteuer für "umwelt- und klimaschädliche Produkte" (wie etwa Fleisch), sowie Maßnahmen "zur Entwicklung von Speiseplänen mit reduziertem Angebot tierprodukthaltiger Speisen" (Fleisch, Milch ...). Das Umweltbundesamt weiß ja ganz gut, dass das United Nations Environment Programme (UNEP) schon im Jahr 2010 Klartext redete bezüglich "consumption of animal products. Unlike fossil fuels, it is difficult to look for alternatives: people have to eat. A substantial reduction of impacts would only be possible with a substantial worldwide diet change, away from animal products." (http://www.theguardian.com/environment/2010/jun/02/un-report-meat-free-diet).
Von all dem finde ich peinlicherweise keine Spur im "Fleischatlas 2016". 2013 gab's wenigstens noch mehr Lametta, d.h. anderthalb Seiten Veg-Geschichte. 2016 begeistert man sich sich für "hochwertige regionale tierische Erzeugnisse" und singt das Lob der "mobilen Schlachtbox"? Bitte um Pardon, wenn mir da andere mobile Tötungsfahrzeuge einfallen, aus fernen Zeiten. Ist der Fleischatlas 2016 zeitgemäß? Oder sind UNEP und Umweltbundesamt schon lange weiter, und grüner als die Grünen?

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