„Sie kommen um zu bleiben“ – Integration als Chance begreifen

„Sie kommen um zu bleiben“ – Integration als Chance begreifen

Der Staat hat die Chance und die Pflicht, die Integrationsprozesse in Deutschland einfacher, schneller, einheitlicher und transparenter zu gestalten. Das alles ist noch ein langer, steiniger Weg.
Der Staat hat die ChDie Aufgabe der Integration sollten wir als Investition in die Zukunft begreifen. — Bildnachweise

Ohne Einwanderung stünde Deutschland wirtschaftlich und kulturell um einiges ärmer da. Wir haben bis heute nicht verstanden, was eine gelungene Integration für unser Land ökonomisch und gesellschaftlich bedeuten kann.

Bereits in den 70er Jahren gab es keine ernsthaften Pläne, die „Gastarbeiter“ aus der Türkei, die mitgeholfen haben, unser Land wirtschaftlich an die Spitze zu bringen, langfristig in Deutschland zu integrieren. Sie sollten für ein paar Jahre bei uns arbeiten und Steuern bezahlen und anschließend wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Es war schlicht nicht vorgesehen, dass diese Menschen bei uns bleiben, Familien gründen und Teil unserer Gesellschaft werden. Es fehlte der politische Wille an einem umfangreichen Integrationskonzept und das rächt sich heute. Immer mehr Studierende und Akademiker/innen türkischer Herkunft verlassen Deutschland und wandern in die Türkei aus. Rund 20 Prozent der türkisch-deutschen Abwander/innen gehören zur zweiten bzw. dritten Generation. Sie ziehen zurück in das Heimatland ihrer Eltern oder Großeltern, weil ihnen Deutschland fremd geblieben ist oder weil sie persönliche negative Erfahrungen gemacht haben.


Fachkräfte gesucht

Dabei ist Deutschland mehr denn je auf diese Fachkräfte und Akademiker/innen angewiesen. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes über den demographischen Wandel sind alarmierend. Bis 2060 wird die Bevölkerung in Deutschland um rund acht Millionen Menschen auf insgesamt 73 Millionen Menschen schrumpfen.[1]  Da wir gleichzeitig eine immer höhere Lebenserwartung haben und weniger Kinder bekommen, altert unsere Gesellschaft. Mögliche Auswirkungen lassen sich schon heute beobachten: Immer weniger Beitragszahler/innen treffen auf immer mehr Rentner/innen und das wiederum führt zu einem sinkenden Rentenniveau oder höheren Beiträgen. Dörfer, Wohngebiete und ganze Städte leiden darunter, dass mehr junge Menschen wegziehen als neu geboren werden. Außerdem beklagen sich viele Unternehmen über fehlende Fachkräfte. Es gibt in Deutschland einen Fachkräftebedarf von circa 300.000 Menschen pro Jahr, der derzeit nicht abgedeckt wird.[2]  Mehr Einwanderung ist für diese Herausforderung nicht das Allheilmittel, sie kann aber einen wichtigen Beitrag leisten.


Integration beginnt mit der Sprache

In den Jahren 2014 und 2015 sind schätzungsweise über eine Millionen Menschen nach Deutschland geflüchtet. Knapp 75 Prozent dieser Geflüchteten sind unter 30 Jahre. Die Allermeisten von Ihnen werden voraussichtlich sehr lange, wenn nicht sogar für immer in Deutschland bleiben. Viele von Ihnen haben keine oder nur eine unzureichende Schul- bzw. Berufsausbildung. Es liegt aber in unserer Hand, Ihnen durch Bildung und Qualifikation eine Perspektive in Deutschland zu geben und Deutschland hat die Möglichkeit, den enormen Fachkräftemangel abzumildern. Im ersten Schritt müssen die Geflüchteten unsere Sprache erlernen. Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Theoretisch hat auch jeder Asylsuchende mit Bleibeperspektive das Recht, anerkannte Flüchtlinge sogar die Pflicht, einen Deutschkurs zu belegen. Es fehlt jedoch an allen Ecken und Enden an speziell ausgebildeten Lehrkräften, an Unterrichtsräumen und an Schulungsmaterialien. Wer keine Grundsicherung in Form von Hartz IV bezieht, muss zudem die Hälfte der Kursgebühren bezahlen. Und von denen, die sich einen Deutschkurs leisten können und belegen, fallen 40% durch. Hier stimmen die Rahmenbedingungen nicht. Wir dürfen beim Fordern und Fördern nicht das Fördern vergessen.     


Integration als Chancendebatte

Die Aufgabe der Integration sollten wir als Investition in die Zukunft begreifen. Die in Deutschland lebenden Ausländer/innen sorgten 2012 für einen Überschuss in den öffentlichen Haushalten von insgesamt 22 Milliarden Euro. Jeder von ihnen zahlte demnach durchschnittlich 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhielt. Das Plus pro Kopf ist in den vergangenen zehn Jahren um über die Hälfte gestiegen. Die Zahlen kommen von einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW.[3]  Rechnen wir das hoch auf die aktuellen Flüchtlingszahlen in Deutschland hieße das: Wenn nur 20 Prozent der Zugewanderten eine berufliche Qualifikation erreichen, kann der Staat mit Zusatzeinnahmen von bis zu 60 Milliarden Euro rechnen. Selbst wenn wir dann noch die öffentlichen Ausgaben für die Zuwanderung abziehen, bleibt ein finanzielles Plus. Eine gute Integrationspolitik ist also nicht nur aus humanen Gründen geboten, sondern auch ökonomisch klug und nachhaltig. Wir sollten die Diskussion um die Integration von Flüchtlingen daher auch als Chancendebatte verstehen. Die Prosperität in Deutschland hängt von der Offenheit unserer Gesellschaft ab.
 

Zuwanderung statt Demografie-Falle

Ohne Zuwanderung wird das Potenzial an Arbeiterinnen und Arbeitern in Deutschland bei konstanten Erwerbsquoten bis zum Jahr 2050 um rund 16 Millionen Menschen und damit um 36 Prozent zurückgehen. Oder anders ausgedrückt: Wir brauchen jedes Jahr mindestens 500.000 Zuwander/innen, damit wir nicht schrumpfen und bis 2030 fehlen uns sechs Millionen Arbeitskräfte. Es gibt also keine Alternative zu einer guten Integration und wir sollten alles dafür tun, damit möglichst viele der Migrantinnen und Migranten gut ausgebildet werden und bei uns bleiben. Selbst diejenigen, die sich entschließen, in ihr Heimatland zurückzukehren, schicken wir qualifiziert zurück. Sie haben dann bei uns das Rüstzeug bekommen, ihr Land wieder mit aufzubauen. Als Ingenieurin, Arzt oder Lehrerin. Das ist sicher eine der besten Formen von Entwicklungshilfe.


Hilfe vom Bund

Integration gibt es natürlich nicht zum Nulltarif, aber gut gemacht zahlt sie sich am Ende für alle aus. Sie fördert ein friedliches Zusammenleben, eine dynamische und kreative Entwicklung unserer Gesellschaft und ist Grundlage für eine starke Infrastruktur. Die Gelder, die zur Aufnahme und Integration von Flüchtlingen bereitgestellt werden, kommen der deutschen Wirtschaft und insbesondere vielen kleinen und mittelständischen Handwerksbetrieben zugute. Wir brauchen eine bundesweite Bildungsoffensive, die die frühkindliche, schulische, berufliche und hochschulische Bildung umfasst. Dazu brauchen wir ausreichend qualifizierte Lehrkräfte, Räumlichkeiten und Schulungsmaterialien. Wir schlagen daher vor, dass der Bund in den nächsten 10 Jahren die Länder mit mindestens 2 Mrd. Euro pro Jahr finanziell unterstützt.[4]  Dank aktuell guter Steuereinnahmen ist diese Aufgabe zu bewältigen, ohne die Bürgerinnen und Bürger zusätzlich zu belasten. Wichtig ist, dass die Bildungsangebote alle erfasst. Jedes geflüchtete Kind und jeder geflüchtete Jugendliche muss von Anfang an einen Zugang zu Kindertagesstätten und Schulen bekommen. Je früher sie in den gemeinsamen Unterricht kommen, desto besser. Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind die Brückenbauerinnen und Brückenbauer zwischen den Geflüchteten und der neuen Welt. Um ihnen ihre wichtige Arbeit zu erleichtern und damit die Geflüchteten bessere Chancen auf Teilhabe und Integration haben, brauchen sie Unterstützung in Form von Fortbildungen und entsprechenden Lernmaterialien zur Vermittlung von interkultureller Kompetenz. Wir wollen durch Qualifizierungsangebote für Lehrkräfte die Sprachbildung und Elternarbeit ausbauen und auch andere notwendige Fortbildungen im Bereich der interkulturellen und geschlechtersensiblen Bildung unterstützen.  


Lehrende gut bezahlen

Geflüchtete mit geringer oder gar keiner Schulbildung brauchen zusätzliche sprachliche und schulische Qualifizierungsmaßnahmen. Und ältere Geflüchtete sollen die Chance bekommen, ihren Haupt- oder Sekundarabschluss nachzuholen. Die Kosten hierfür können über das SGB II oder SGB III übernommen werden. Bei den Lehrkräften werden wir langfristig auf Honorarkräfte angewiesen sein. Diese bekommen aktuell 23 Euro pro Stunde. Bei 30 Unterrichtseinheiten im Monat kommen sie somit auf brutto 2.800 Euro. Dabei sind die vielen Stunden für die Vor- und Nachbereitung gar nicht eingerechnet. So lassen sich kaum genügend Fachkräfte für die wichtigen Deutschkurse finden. Das hat auch die Bundesregierung inzwischen eingesehen und plant zumindest die Anhebung der Vergütungsuntergrenzen für Honorarlehrkräfte. Was bleibt, sind aber die zu harten Zulassungskriterien des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Selbst Übersetzer/innen mit Hochschulabschluss oder Grundschullehrer/innen, die bereits das erste Staatsexamen absolviert haben, benötigen eine zusätzliche Qualifikation. In der Konsequenz dürfen wir zwar nicht die Standards absenken, wir müssen aber flexibler in der Handhabung werden und wieder lernen zu improvisieren.   
 

Vorrangprüfung abschaffen

Neben finanzieller Unterstützung müssen die rechtlichen und bürokratischen Hürden, vorneweg die Vorrangprüfung und die Beschränkung für Asylsuchende bei der Leiharbeit abgeschafft werden. Für jeden Geflüchteten ist es besser, eine Arbeit und damit auch eine Aufgabe zu haben, als stumpf in seiner Flüchtlingsunterkunft auf sein Verfahren zu warten. Der Staat hat die Chance und die Pflicht, die Integrationsprozesse in Deutschland einfacher, schneller, einheitlicher und transparenter zu gestalten. Das alles ist noch ein langer, steiniger Weg. Wir stehen erst ganz am Anfang.


[1] Statistisches Bundesamt, 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Seite 6

[2] Arbeitsagentur für Arbeit, Fachkräfteengpassanalyse Juni 2016 https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Fachkraeftebedarf-Stellen/Fachkraefte/BA-FK-Engpassanalyse-2016-06.pdf

[3] Prof. Dr. Bonin, ZEW „Der Beitrag von Ausländern und künftiger Zuwanderung zum deutschen Staatshaushalt http://ftp.zew.de/pub/zew-docs/gutachten/ZEW_BeitragZuwanderungStaatshaushalt2014.pdf

 

[4] Antrag Bündnis 90/Die Grünen „Integration ist gelebte Demokratie und stärkt den sozialen Zusammenhalt“, Bundestagsdrucksache 18/7651 http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/18/076/1807651.pdf

 

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