Was sind Kompensationsgutschriften und warum sind sie so umstritten?

Was sind Kompensationsgutschriften und warum sind sie so umstritten?

Konzerne, deren Geschäftsmodell mit Raubbau an der Natur verbunden ist, bieten zunehmend Produkte an, die sie als urwaldfrei oder kohlenstoffneutral vermarkten. Möglich wird dies durch das Prinzip „kompensieren statt reduzieren“. Wie funktioniert das?

Das Eon-Steinkohle-Kraftwerk Scholven, GelsenkirchenDas Scholvener Eon-Steinkohle-Kraftwerk (Gelsenkirchen): Laut einer WWF-Studie Platz 17 der klimaschädlichsten Anlagen Europas – Urheber/in: Guy Gorek. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

"Kompensieren statt reduzieren“ wird im internationalen Umweltschutz immer populärer: Ein Unternehmen kann eine Obergrenze, etwa für den Ausstoß von Treibhausgasen, legal überschreiten, solange der Nachweis erbracht wird, dass an anderer Stelle der Ausstoß von Treibhausgasen zusätzlich reduziert wurde. Diesen Nachweis liefern handelbare Kompensationsgutschriften. Urwaldzerstörung oder den Anstieg von Treibhausgasemissionen in der Atmosphäre kann der Handel mit Kompensationsgutschriften aber nicht verhindern. Was angeblich an einer Stelle an Emissionen eingespart oder an Urwaldzerstörung vermieden wird, erlaubt anderswo Raubbau und die Freisetzung von Treibhausgasen über gesetzliche oder gesellschaftlich normierte Grenzwerte hinaus.

Bestenfalls handelt es sich also um ein Nullsummenspiel. Letztendlich ist allerdings nicht nachprüfbar, ob die angeblich eingesparte Emission auch wirklich freigesetzt worden wäre oder die angeblich verhinderte Zerstörung ohne Kompensationsprojekt auch wirklich stattgefunden hätte. Da die Kompensationsgutschrift aber eine zusätzliche Emission oder Zerstörung erlaubt, ist das Resultat beim Handel mit Kompensationsgutschriften sogar häufig mehr, nie aber weniger Zerstörung oder Verschmutzung als ohne Gutschriftenhandel.

Ideengeber für den Handel mit Kompensationsgutschriften ist das Kyoto-Protokoll, das 2005 in Kraft getretene Abkommen der Vereinten Nationen zur Reduzierung von Treibhausgasen. Es legt Ziele für die Minderung von Treibhausgasemissionen in industrialisierten Ländern fest, erlaubt Industrieländern aber gleichzeitig, sich von der Reduktionspflicht im eigenen Land freizukaufen. Das Instrument hierfür ist der Emissionshandel, insbesondere der Handel mit sogenannten Emissionsgutschriften, im Englischen „carbon offsets“ oder „carbon credits“ genannt. Der Kauf solcher Emissionsgutschriften erlaubt es Unternehmen, den Grenzwert für den Ausstoß von Treibhausgasen, der sich aus dem Kyoto-Protokoll für Fabriken, Raffinerien und andere Industrieanlagen in Industrieländern ergibt, legal zu überschreiten, solange der Nachweis erbracht wird, dass an anderer Stelle der Ausstoß von Treibhausgasen zusätzlich reduziert wurde.

Aufgrund von Kompensationsgutschriften für Biodiversität können Käufer/innen behaupten, dass ein von ihnen verursachter Schaden ausgeglichen wurde. Der Schaden – die Zerstörung von biologischer Vielfalt – geht auch hier über einen geltenden Grenzwert hinaus. Im Fall von Kompensationsgutschriften für Biodiversitätsverlust besteht ein solcher Grenzwert zum Beispiel im Verbot von Bergbau in Schutzgebieten oder besonders artenreichen Wäldern; oder er ergibt sich aus gesellschaftlichen Normen, wie zum Beispiel dem Versprechen von Nahrungsmittelkonzernen, ihre Produkte ohne Waldzerstörung herzustellen.

Kompensationsgutschriften für Biodiversitätsverlust erleichtern die Expansion von Bergbau in Schutzgebieten oder die Rodung von artenreichen Wäldern für Ölpalm- und Sojaplantagen oder für die industrielle Rinderzucht. Die Produkte aus diesem Raubbau vermarkten Konzerne dann als „urwaldfrei“, "kohlenstoffneutral“ oder als „Bergbau mit netto-positiver Auswirkung für Biodiversität“.

Wie funktioniert der Handel mit Kompensationsgutschriften? 

Eine Kompensationsgutschrift erlaubt, dass Verschmutzungen oder Zerstörungen einen Grenzwert übersteigen dürfen. Diese zusätzliche Verschmutzung muss durch ein Kompensationsprojekt ausgeglichen werden. Das Projekt muss nachweisen, dass es einen Lebensraum erhält, der sonst nicht geschützt worden wäre, oder dass es eine Emission verhindert, die sonst freigesetzt worden wäre. Handelt es sich aber um Schutz- oder Renaturierungsmaßnahmen, die bereits vorgesehen waren, wird kein Lebensraum zusätzlich erhalten oder renaturiert.

Ein zusätzlicher Schaden wird also nicht ausgeglichen. Waren Emissionsminderungen auch ohne Kompensationsprojekt vorgesehen, ist die Einsparung ebenfalls nicht zusätzlich, obwohl die vom Kompensationsprojekt angebotene Gutschrift zusätzliche Emissionen fossilen Kohlenstoffs (Kohle, Erdöl, Erdgas) erlaubt. Das Resultat ist dann nicht ein Netto-Nullsummenspiel, sondern ein Anstieg von Treibhausgasemissionen oder Naturzerstörung über vereinbarte Grenzwerte hinaus.


Cheat Neutral: Kurzfilm über die konzeptionellen Widersprüche von Kompensationsgutschriften

Ein solches Ergebnis soll vermieden werden, indem jedes Kompensationsprojekt durch umfangreiche externe Prüfungen und Dokumentationen nachweist, dass ohne das Projekt keine Einsparung erreicht oder kein Wald erhalten worden wären, die Gutschriften somit tatsächlich zusätzliche Emissionsminderung oder Walderhalt repräsentieren. Das Problem dabei: Die Behauptung, die Emissionsminderung oder der Walderhalt seien ohne Kompensationsprojekt nicht zustande gekommen, ist letztendlich nicht nachprüfbar. Und dennoch steckt hinter jeder Kompensationsgutschrift die Annahme, dass eben jene Zusätzlichkeit nachweisbar ist und von unabhängigen Prüfern verifiziert wurde.

Wie berechnet ein Kompensationsprojekt die Menge der vermarktbaren Gutschriften?

Wenn Getreide, Öl, Baumwolle oder Immobilien gehandelt werden, dann wissen Käufer oder Spekulanten, dass eine bestimmte Menge dieser Ware in genau definierter Qualität irgendwo physisch existiert (oder existieren wird), entweder in einem Lagerhaus, auf einem Feld oder in einem Öltanker oder als Immobilie. Gehandelt wird dabei nicht unbedingt die Ware selbst, sondern ein Platzhalter, der eine klar definierte Quantität und Qualität der gehandelten Ware repräsentiert. Auch beim Handel mit Kompensationsgutschriften werden Platzhalter ge- und verkauft.

Der Handel mit Kompensationsgutschriften unterscheidet sich jedoch in mindestens einem Aspekt grundlegend vom Warenhandel. Die Kompensationsgutschriften repräsentieren das Versprechen, einen bestimmten Lebensraum, oder eine bestimmte Ökosystemfunktion (Kohlenstoffspeicherung, Wasserfiltration) zu erhalten. Dieser Lebensraum war angeblich in Gefahr und Anbieter/innen der Gutschrift versprechen, die angeblich geplante Zerstörung des Lebensraums oder die Freisetzung von Emissionen zu unterlassen. Die Kompensationsgutschrift steht stellvertretend für diese unterlassene Handlung.

Die unterlassene Handlung bleibt jedoch immer eine hypothetische, denn durch das Kompensationsprojekt wird sie verhindert. Kompensationsprojekte, ob für Treibhausgasminderung oder zum Ausgleich von Biodiversitätsverlusten, berechnen die Menge der vermarktbaren Gutschriften also immer in Bezug auf eine hypothetische Gefährdung: X Hektar Wald wären durch lokale Nutzung zerstört worden, hätte es das Kompensationsprojekt nicht gegeben. Die Differenz zwischen der Fläche, die (hypothetisch) zerstört worden wäre, und der aktuell durch das Kompensationsprojekt geschützten Waldfläche ergibt die Anzahl der Kompensationsgutschriften, die ein solches Kompensationsprojekt für Waldbiodiversität vermarkten kann.

Die Berechnungsmethode hat auch den Effekt, dass ein Kompensationsprojekt mehr Gutschriften erzeugt, je verschmutzter oder zerstörter die hypothetische Zukunft ohne Kompensationsprojekt beschrieben wird.

Je nach Güte und Vergleichbarkeit der angenommenen zusätzlich geschützten mit der real zerstörten Fläche errechnen Käufer/innen dann die Menge der Kompensationsgutschriften, die zum Ausgleich einer Zerstörung notwendig sind. Nüchtern betrachtet zahlen Käufer/innen von Kompensationsgutschriften eher für eine gute Geschichte als für eine nachweisbar zusätzliche Renaturierung, für den zusätzlichen Schutz von Lebensräumen oder für zusätzliche Emissionseinsparungen.

Argumente gegen Kompensationsgutschriften

Zahlreiche zivilgesellschaftliche Gruppen und soziale Bewegungen, insbesondere im globalen Süden, lehnen den Handel mit Kompensationsgutschriften ab. Die Argumente für diese Position sind vielfältig und beziehen sich auf negative soziale, ökologische und ökonomische Auswirkungen von Kompensationsprojekten, die oftmals benachteiligte Bevölkerungsgruppen besonders hart treffen. Die Kritik bezieht sich auch auf die unbegründete Annahme, die dem Prinzip des Handels mit Kompensationsmaßnahmen zugrunde liegt, dass die zusätzliche Einsparung oder Schutzmaßnahme nachweisbar sei.

Für den bisher am weitesten verbreiteten Handel mit Kompensationsgutschriften, den Handel mit Emissionsgutschriften, ist die Ablehnung auf folgende Argumente begründet:

  • Handel mit Emissionsgutschriften reduziert keine Emissionen, er verschiebt sie nur. Die nachzuweisende zusätzliche Emissionsminderung durch das Kompensationsprojekt, das sich über den Handel mit solchen Gutschriften finanziert, erlaubt an anderer Stelle die Freisetzung von fossilem Kohlenstoff über einen gesetzlichen oder moralischen Grenzwert hinaus. Unterm Strich bleibt beim Handel mit Emissionsgutschriften also maximal eine Netto-Null.
  • Die Zusätzlichkeit einer Emissionsminderung, die die Emissionsgutschrift repräsentiert, ist nicht verifizierbar, denn die Berechnung beruht im Fall von Kompensationsprojekten auf dem Vergleich der aktuellen Emissionen im Projekt mit einem hypothetischen Referenzszenarium. Alle Projekte, die Emissionsgutschriften vermarkten, sind mit dem Dilemma konfrontiert, die Richtigkeit einer Zukunftsprognose nicht nur zu überprüfen und zu bestätigen, sondern auch auf die Tonne Kohlendioxid genau zu quantifizieren. Es wird die Höhe der potenziell verursachten Emissionen berechnet, die freigesetzt worden wären, gäbe es das Kompensationsprojekt nicht. In einer zweiten Kalkulation wird die Höhe der Emissionen mit Kompensationsprojekt berechnet. Aus der Differenz der beiden Zahlen ergibt sich die Anzahl der Tonnen Treibhausgas, die angeblich aufgrund des Kompensationsprojektes eingespart wurden, wodurch sich wiederum die Menge der Emissionsgutschriften ergibt, die das Kompensationsprojekt vermarkten kann.  Hypothetische Geschichten sind jedoch grundsätzlich nicht überprüfbar, und das prognostizierte Volumen an Treibhausgasemissionen ohne Projekt wird durch die Realität mit Projekt unüberprüfbar. Eine Konsequenz aus dieser Grundannahme, die Unüberprüfbares als verifizierbar annimmt, ist, dass die Emissionsszenarien zahlreicher Kompensationsprojekte sehr hohe hypothetische Emissionswerte prognostizieren, um so die Menge der Gutschriften, die ein Projekt verkaufen kann, zu maximieren. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Glaubwürdigkeit von REDD+-Projekten beschreiben Kompensationsgutschriften aus REDD+-Projekten deshalb zunehmend als „virtuelle Reduzierungen“, also als Emissionsgutschriften, denen keine tatsächliche (zusätzliche) Emissionsminderung zugrunde liegt.
  • Weil die Zusätzlichkeit einer Emissionsreduzierung grundsätzlich nicht verifizierbar ist, die Emissionsgutschrift aber gleichzeitig Emissionen über einen Grenzwert hinaus rechtfertigt, trägt der Handel mit Emissionsgutschriften vermutlich zum weiteren Anstieg der Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre bei.
  • Das Dilemma, dass Emissionsgutschriften aus einer Berechnung hervorgehen, die die Überprüfbarkeit hypothetischer Emissionen annimmt, wiegt bei Projekten, die Emissionsgutschriften aus Landnutzungsprojekten vermarkten, besonders schwer. Hier sind die Faktoren, die zukünftige Landnutzung beeinflussen, noch vielfältiger und variabler – und damit die Prognosen noch spekulativer – als in anderen Bereichen.
  • Der Handel mit Emissionsgutschriften ist im Kern ungerecht, weil diejenigen, die am wenigsten zum Problem beigetragen haben, zusätzlich Emissionen reduzieren sollen, damit die größten Emittenten weiter über Maß natürliche Ressourcen – im Fall von Emissionsgutschriften, fossile Brennstoffe – nutzen können.
  • In der Umsetzung verschärfen sich Ungerechtigkeiten und inhärente Unzulänglichkeiten noch: Bis zu 75 Prozent der gehandelten Emissionsgutschriften aus CDM-Projekten repräsentieren nachweislich keine zusätzliche Emissionsreduzierung. Eine Vielzahl von Projekten, insbesondere solche, die Emissionsgutschriften aus REDD+ und Landnutzungsprojekten anbieten, sind verantwortlich für Menschenrechtsverletzungen und Vertreibung von Familien, die Nutzungsrechte aber keine Landtitel für das von ihnen genutzte Land besitzen. Vielen dieser kontroversen Projekte wurden trotz der dokumentierten Konflikte um Rechte und Zugang zu Land Siegel unterschiedlichster Zertifizierungsstandards verliehen.

Dieser Artikel ist Teil unseres Dossier "Neue Ökonomie der Natur".

Zum Weiterlesen:

  1. Kill, J. (2015): Economic Valuation and Payment for Environmental Services. Recognizing Nature's Value of Pricing Nature's Destruction? Heinrich-Böll-Stiftung E-Paper.
  2. FERN (2010): Trading carbon: how it works and why it is controversial.
  3. Altvater, E. und A.Brunnengräber (Hrsg.) (2006): Ablasshandel gegen Klimawandel? Marktbasierte Instrumente in der globalen Klimapolitik und ihre Alternativen. VSA-Verlag.
  4. Louise Carver (2015): Measuring the value of what? An ethnographic account of the transformation of ‛Nature’ under the DEFRA biodiversity offsetting metric. LCSV Working Paper Series No. 11. Leverhulme Centre for the Study of Value.
  5. Klimaschwindel Offsetting-Website. Die Seite beinhaltet ein Werbevideo, einen Fake-CO2-Rechner sowie eine Präsentation echter Kompensationsprojekte, die Emissionsgutschriften anbieten.
  6. Cheat Neutral. 5-minütiger Film, der die konzeptionellen Widersprüche von Kompensationsgutschriften aufzeigt.

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