Collage auf grünem Hintergrund: Drei Schwarzweißbilder von Personen, davon eine ein Kind in einem weißen Kleid stehen auf einem orangenen Blatt, dazwischen hellblaue Wassertropfen und Gebäck
Tunesien

Der Orangenhain, der nicht mehr blühte

In Tunesien – einem der wasserärmsten Länder der Welt – kämpfen Aktivist*innen gegen das Schweigen der Politik und für ein ökologisches Bewusstsein.

Als Rawè Kefi geboren wurde, benannten ihre Eltern sie nach einem ganz besonderen Phänomen. Rawè heißt in Tunesien der erste Regen nach langer Trockenheit. Rawè Kefis Vater betreibt eine Orangenfarm in Menzel Bouzelfa im Nordosten von Tunesien. Als sie klein war, erzählt Kefi, riefen er und die anderen Landwirte sich immer an, wenn im Dezember der lang ersehnte Regen kam. „Möge der erste Regen dich segnen“ sagten sie, schenkten sich Süßigkeiten und feierten zusammen. 

Vier Blüten aus Mandarinen-/Orangenschalen auf grünen Stielen und Blättern, wie Narzissen arrangiert; rechts eine teilweise geschälte Frucht.

„Ich erinnere mich an diese Tage im Winter, als es regnete und alle glücklich waren“, erzählt Rawè Kefi im Videocall. „Der Orangenhain war so grün und gewaltig, die Orangen leuchteten darin. Es war wunderschön.“

Heute ist Rawè Kefi 29 Jahre alt und besucht nur noch selten die Farm. „Es tut zu sehr weh zu sehen, wie ein Baum nach dem anderen stirbt.“ 

Manche der Bäume seien genauso alt wie sie, mit ihnen ist sie aufgewachsen. Inzwischen seien viele von ihnen krank, ihre Blätter braun und verschrumpelt. 

Die Farm ihrer Familie ist nur eine von vielen betroffenen. Menzel Bouzelfa ist bekannt als „Hauptstadt der Orangen“. Von hier kämen die besten Orangen Tunesiens, erzählt Rawè Kefi stolz. Doch seit Jahren regnet es nicht mehr genug und die Böden versalzen. Ihr Vater überlegt nun, seine Farm zu verkaufen. „Für mich ist der Klimawandel schon Realität. Er ist greifbar, weil ich ihn mit meiner Familie erlebe.“

Rawè Kefi setzt sich schon ihr halbes Leben für Umwelt- und Wasserschutz ein. Und das in einem Land, das zu den wasserärmsten der Welt gehört. Während jede Person in Deutschland pro Jahr rund 2.600 Kubikmeter Wasser konsumiert, stehen den Tunesier*innen pro Kopf nur 450 Kubikmeter zur Verfügung. Die bereits knappen Wasserressourcen sind durch die Klimakrise zunehmend bedroht. Seit 2017 kommt es vermehrt zu Dürren und in der Folge zu Wasser- und Ernährungsunsicherheit. Die tunesische Regierung unter Kais Saied hat bislang nicht dafür gesorgt, dass Wasser vor Übernutzung geschützt, gerecht verteilt und effizient genutzt wird. „Die Menschen müssen verstehen, dass wir uns in einem nationalen Notstand befinden“, sagt Rawè Kefi. Sie will die Wasserkrise in das Bewusstsein der Tunesier*innen rücken. Wenn sich alle verantwortlich fühlen, glaubt sie, könne auch jede*r Einzelne einen Beitrag leisten.

Dass Rawè Kefi schon früh gelernt hat, Wasser zu schützen, liegt nicht nur daran, dass sie die Tochter eines Farmers ist.

Collage: Verzweigter kahler Baumstamm mit vielen Ästen vor grünem Hintergrund; dahinter mehrere gemalte weiße Wolken.

 „Meine Mutter hat in unserem Haus ein System zum Recyclen von Abwasser etabliert. Wir glauben, dass Wasser ein Geschenk Gottes ist, das wir nicht verschwenden dürfen.“ 

Das Wasser, mit dem die Familie duscht, werde später zum Spülen der Toilette benutzt, das Abwasser aus der Küche zum Gießen der Pflanzen. 

„Wir hatten immer die niedrigste Wasserrechnung in unserem Viertel, vielleicht sogar in der ganzen Stadt“, erzählt Kefi lachend. 

Wer Rawè Kefi zuhört, kann kaum anders als Hoffnung zu schöpfen. Sie redet schnell, aber strukturiert, lächelt viel und gestikuliert energisch. Gerade hat sie ihre Doktorarbeit abgegeben, in der sie sich mit Kunst und Kultur im Kontext von Natur und Klima beschäftigt hat. Seit Kurzem lehrt sie „Environmental Humanities“ (Umweltgeisteswissenschaften) an einer Hochschule in Tunis. Das noch junge interdisziplinäre Fach nutzt geisteswissenschaftliche und soziologische Perspektiven, um sich mit der Umwelt zu beschäftigen. 

„Ich glaube daran, dass Kunst und Kultur Bewusstsein schaffen können“, sagt Rawè Kefi, die selbst auch schon mit Umweltpoesie experimentiert hat. „Wenn ich Menschen nur Fakten und Diagramme präsentiere, interessieren sie sich nicht für Umweltthemen. Aber wenn ich Poetry Slams, Musik, Dichtung nutze, dann kann ich sie bewegen.“ So leitete Kefi zum Beispiel ein Projekt mit Schüler*innen, in dem sie Theaterstücke, Rapsongs oder Kurzfilme zum Thema Wasserschutz entwickelten.

Collage: Wasserhahn mit Rohr; statt Wasser ragt ein Zweig mit vielen grünen Blättern aus der Öffnung vor grünem Hintergrund.

Ihr Engagement fokussiert sich immer wieder auf die junge Generation. Sie will, dass junge Menschen schon früh Umweltschutz lernen – nicht durch theoretischen Unterricht in der Schule, sondern indem sie selbst die Natur erleben. 

Als Mitglied der tunesischen Organisation „Réseau Enfants de la Terre“ (Netzwerk der Kinder der Erde) ist sie aktuell Mentorin für 240 junge Aktivist*innen zwischen 8 und 30 Jahren, die in allen 24 Gouvernements Tunesiens zu den Auswirkungen des Klimawandels forschen. 

Außerdem gehört sie einer Gruppe von „Young Negotiators“ an, die die tunesische Delegation bei den internationalen Klimagipfeln begleitet. Dass Rawè Kefi Erfahrung mit politischen Verhandlungen hat, ist nicht zu überhören. Ihre Forderungen an die eigene Regierung und deren politische und wirtschaftliche Partner kann sie klar formulieren. Da sei zum Einen die wirtschaftliche Dimension: „Trotz der Wasserkrise, in der wir leben, exportieren wir leider immer noch Produkte mit hohem Wasserverbrauch wie Wassermelonen, Datteln oder Erdbeeren ins Ausland.“ Wie viele Länder des Globalen Südens ist Tunesien verschuldet und auf ausländische Währung angewiesen. Der Fokus auf die Exportwirtschaft soll Abhilfe schaffen, doch „die Wassermassen, die wir dadurch verlieren, kann keine ausländische Währung ersetzen“, glaubt Kefi. Handelsverträge, insbesondere mit der EU, müssen aus ihrer Sicht überprüft werden.

Darüber hinaus fordert sie auf der juristischen Ebene strengere Sanktionen für Wasserverschwendung, vor allem durch nationale und internationale Privatunternehmen. Übernutzung und Verschmutzung von Wasser solle als „Ökozid“ geahndet werden. „Ich bin nicht gegen den privaten Wirtschaftssektor, aber er trägt eine soziale und ökologische Verantwortung. Er muss Wege finden, den Schaden zu reparieren, den er anrichtet.“

Von der tunesischen Regierung erwartet sie außerdem einen Fokus auf Wasser-Diplomatie – damit grenzüberschreitende Gewässer in der Zukunft nicht zu politischen Konflikten mit Nachbarländern, sondern zu mehr Zusammenarbeit führen. Vor allem aber wünscht sie sich, dass die Regierung mehr Bewusstsein für die Wasserkrise schafft. „Sie sollen aufhören, die Menschen zu beruhigen. Alle müssen verstehen, dass es sich um einen Notfall handelt, genauso als wäre ein Krieg ausgebrochen.“ 

Collage: Drei Bäume mit vielen Orangen stehen auf einer Allee; im Hintergrund graue Berge vor grünem Himmel.

Jede*r Einzelne müsse sich für die Lösung der Wasserkrise verantwortlich fühlen. 

„Ich will die Schuld nicht auf Individuen übertragen. Die größte Verantwortung trägt die Regierung. 

Aber wir als Einzelpersonen können einen Beitrag leisten, egal wie klein, in unserem Haushalt, unserer Nachbarschaft, unserer Schule.” 

Sich mit anderen gemeinsam zu engagieren, aktiv zu werden statt nur Angst zu haben, das gibt Rawè Kefi trotz der sich zuspitzenden Wasserkrise Hoffnung. Sie habe dadurch auch eine ganz neue Beziehung zu ihrer Heimat entwickelt, die sie „ökologische Staatsbürgerschaft“ nennt.

„Ich liebe mein Land durch seine Natur und seine Ökosysteme. Mit diesem Gefühl von Zugehörigkeit können wir Tunesien wieder grün machen.“

Ägypten
Marokko

Zum Warenkorb hinzugefügt: