Nahezu die komplette Wasserversorgung Ägyptens hängt vom Nil ab. Die Initiative SEKEM leitet Bäuerinnen und Bauern an, auf dynamisch-biologische Landwirtschaft umzusteigen und Pflanzen anzubauen, die mit wenig Wasser auskommen.
Um den Wert von Wasser in Ägypten zu verstehen, genügt ein einziger Blick auf die Landkarte: Die trapezförmige Fläche der nordafrikanischen Republik ist fast vollständig sandfarben eingefärbt – knapp eine Million Quadratkilometer Wüste. Nur ein hauchdünner grüner Streifen zieht sich von Süden nach Norden durch die Trockenheit. Dort verwandelt der aus dem Sudan kommende Nil die Dürre in blühende Landschaften. Ganz im Norden schließlich fächert sich der längste Fluss der Welt wie eine Lotusblume auf – als sei er erleichtert, nach seiner beschwerlichen Reise endlich sein Ziel, das Mittelmeer, erreicht zu haben.
In einem Land wie Ägypten Landwirtschaft zu betreiben, bedeutet, Wasser intelligent zu nutzen.
„Menschen müssen jeden Quadratmeter Ägyptens bewässern, damit etwas wächst“, sagt Helmy Abouleish. „Was wir nicht bearbeiten, wird Wüste.“
Selbst im Einzugsgebiet des Nils müsse Wasser für die landwirtschaftliche Nutzung gezielt gespeichert und umgeleitet werden. Die Fläche, auf der überhaupt Landwirtschaft möglich ist, ist verschwindend gering – gerade einmal vier Prozent der Gesamtfläche.
„Dieses Land hängt stark von Bewässerung ab.“
Helmy Abouleish ist Geschäftsführer des biologisch-dynamisch wirtschaftenden Unternehmens SEKEM, dessen Hauptsitz eine Farm in Scharqiyah nordöstlich von Kairo ist. Seine Eltern Ibrahim und Gudrun Abouleish gründeten die SEKEM-Initiative 1977 mit dem Ziel, nachhaltige Entwicklung durch einen ganzheitlichen Ansatz zu fördern. Das bedeutet, dass Ökologie, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur gleichermaßen berücksichtigt werden. Der drohenden Wasserkrise begegnet SEKEM mit Forschung, Geschäftssinn und einer Philosophie, die die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt.
Ohne die Lebensader Nil gäbe es keine Landwirtschaft
Seit 1994 wird in Ägypten mehr Wasser verbraucht als durch erneuerbare Wasserressourcen zur Verfügung steht. Nahezu die komplette Wasserversorgung des Landes hängt vom Nil ab. Mit Abstand am meisten – rund 80 Prozent – verbraucht davon die Landwirtschaft. Dennoch reicht ihr Ertrag den Ägypter*innen nicht aus, um die Bevölkerung zu ernähren. „Bei der momentanen Verarbeitung von Wasser in Biomasse können 55 Milliarden Kubikmeter Nilwasser maximal 55 Millionen Menschen ernähren – und wir sind 120 Millionen“, stellt Helmy Abouleish fest.
Ägypten muss fünfzig Prozent der benötigten Lebensmittel importieren.
Selbst bei einer fleischarmen Ernährung, wie sie für die meisten Ägypter*innen Alltag ist, kann so gerade einmal die Hälfte der Bevölkerung ernährt werden. Das führt dazu, dass der ohnehin hoch verschuldete Staat fünfzig Prozent der benötigten Lebensmittel importieren muss: Weizen aus der Ukraine, Reis aus Indien, Soja aus den USA. Mit der rasant wachsenden ägyptischen Bevölkerung steigt der Bedarf weiter an.
Gleichzeitig wächst jedoch auch die Menge der Lebensmittel, die Ägypten ins Ausland exportiert.
Das klingt erst einmal widersprüchlich, doch bei den Exporten handelt es sich vor allem um sogenannte „Cash Crops“, also hochpreisige Produkte wie Früchte oder Nüsse, die zum Verkauf ins Ausland und nicht zur Ernährung der eigenen Bevölkerung bestimmt sind.
Zu diesem Zweck lässt Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi seit Jahren riesige Flächen in der Wüste als Agrarflächen erschließen. Die Projekte werden vor allem durch milliardenschwere Kredite und ausländische Investitionen finanziert, was die ohnehin hohe Staatsverschuldung Ägyptens weiter verschärft. Er spricht davon, „die Wüste grün zu machen“.
Die Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit dieser Megaprojekte sind mehr als fraglich.
Die Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit dieser Megaprojekte sind mehr als fraglich. Bewässert werden sie teilweise mit den begrenzten Grundwasservorräten, die sich seit der Machtübernahme al-Sisis 2013 mit doppelter Geschwindigkeit erschöpfen. Zudem werden Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Nil abgeleitet und den neuen Großprojekten in der Wüste zugeführt, die teilweise in den Händen ausländischer Investoren liegen. Das dort verwendete Wasser, versickert in der Wüste, anstatt in den natürlichen Wasserkreislauf zurückzukehren.
Die Rolle der Bäuerinnen und Bauern ist nicht zu unterschätzen
Die Wüste zu begrünen, das war auch der Traum des SEKEM-Gründers Ibrahim Abouleish. Doch seine Herangehensweise ist eine völlig andere, wie sein Sohn Helmy Abouleish erklärt.
„Der biologisch-dynamische Landwirt verbraucht 20 bis 40 Prozent weniger Wasser. Das ist doch fantasisch!“
Der 64-Jährige sitzt in seinem Büro in der Heliopolis Universität für nachhaltige Entwicklung in Kairo, die 2009 von SEKEM ins Leben gerufen wurde. Dort werde Studiengänge von Landwirtschaft über Pharmazie bis hin zu Betriebswirtschaft angeboten. Auch wird dort zur Bedeutung von Landwirtschaft für Klima und Wasser geforscht.
„Heute erfahre ich durch die Forschung, dass das, was wir seit 48 Jahren tun, die Lösung für eine ganze Reihe der größten Herausforderungen ist – ob Klimawandel, Wasser, Biodiversität oder die Gesundheit des Menschen und des Planeten. Alles das bearbeitet man als biologisch-dynamischer Bauer.“
Abouleish spricht Deutsch mit österreichischem Einschlag. Er wurde in Graz geboren und wuchs dort auf, bevor er im Alter von 16 Jahren nach Kairo zog. Von Anfang an arbeitete er auf der Farm seines Vaters mit und wusste schnell, dass dort seine Zukunft lag.
Obwohl er heute als studierter Betriebswirt und Geschäftsführer von SEKEM auf internationalen Konferenzen unterwegs ist, bezeichnet er sich selbst als „einfachen Bauern aus Scharqiyah“. Aus seiner Sicht wird die Rolle der Bäuerinnen und Bauern weltweit unterschätzt.
„Sowohl in Ägypten, als auch in Deutschland oder Österreich nutzen Menschen das Wort ‚Bauer‘ als Synonym für einen Tölpel vom Land. Sie merken nicht, dass es der Bauer ist, der unsere Ernährung, Gesundheit und Umwelt am Laufen hält.“
Doch die ägyptischen Bäuerinnen und Bauern seien in der Krise. Sieben Millionen Landwirt*innen teilen sich etwa drei Millionen Hektar Land.
„Ein knapper halber Hektar pro Bauer, wie soll er da seine Familie ernähren?“, fragt Abouleish.
„Dann denkt der Bauer natürlich, die Lösung wären ein paar Säcke Kunstdünger, Pestizide, Glyphosat.“
Die meisten lebten trotz dieser umweltschädlichen Mittel unterhalb der Armutsgrenze, „und seine Kinder denken an nichts anderes als dort raus zu kommen. Sie gehen lieber in einen Slum in der Stadt als auf dem Land zu bleiben.“
Naturnahe Landwirtschaft sucht die Balance zwischen Umwelt, Mensch und Tier
Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, unterstützt SEKEM ägyptische Bäuerinnen und Bauern dabei, ihren Betrieb auf biodynamische Landwirtschaft umzustellen. Der biodynamische Anbau ist in Deutschland vor allem unter dem Demeter-Siegel bekannt. Oft wird kritisiert, dass dahinter teils esoterische und wissenschaftsferne Ideen stecken. Dennoch wird das Prinzip von vielen wertgeschätzt, da es strenge Regeln für biologisch nachhaltige Landwirtschaft einhält. Tierwohl, Biodiversität und das Verbot von Pestiziden sind dabei zentral. In der SEKEM-Praxis bedeutet Biodynamik vor allem eine naturnahe Landwirtschaft, die auf die Balance zwischen dem Wohl der Umwelt, der Menschen und Tiere achtet.
Das wirkt sich auch positiv auf die Wassernutzung aus: „Wenn ich verantwortungsvoll mit dem Wasser umgehe und nicht nur Geld daraus machen will, dann kann ich nach Sorten suchen, die mit viel weniger Wasser genauso viel Biomasse herstellen“, sagt Helmy Abouleish. Der Feigenkaktus, der eine süß-säuerliche Frucht hervorbringt, oder der Moringa-Baum, dessen Blätter zu Nahrungsergänzungsmitteln verarbeitet werden seien Wunderpflanzen, die man in der Wüste anbauen könne. Sie benötigen so gut wie keine Bewässerung. Außerdem bereitet SEKEM in all seinen Einrichtungen 100 Prozent des genutzten Wassers zur Wiederverwertung auf.
Demeter-Produkte sind bekanntermaßen teuer. Für die meisten Menschen in Ägypten wären sie unbezahlbar, zumal in der andauernden Wirtschaftskrise. Doch SEKEM möchte nicht nur für den Premiummarkt produzieren, sondern auch für „normale“ Ägypter*innen, die auf dem Großmarkt einkaufen, sagt Abouleish. Möglich wird das durch CO2-Zertifikate. Das sind Gutschriften, die jeweils eine Tonne CO2 repräsentieren. Wer wie die biodynamischen Bäuerinnen und Bauern Emissionen reduziert oder vermeidet, kann dafür entsprechende Zertifikate erhalten und sie anschließend an Firmen verkaufen, die besonders viel CO2 ausstoßen und ihren Fußabdruck ausgleichen müssen.
„Mit diesem Kunstgriff stellen wir täglich 100 Bauern auf biologisch-dynamische Landwirtschaft um“, erzählt Helmy Abouleish stolz. Gerade haben sie gefeiert, dass 40.000 Landwirt*innen in den vergangenen drei Jahren Teil der SEKEM-Gemeinschaft geworden sind. Nun wollen sie die Marke von 250.000 erreichen. Anwärter*innen gebe es genug, sagt Abouleish. Denn die Bäuerinnen und Bauern, die mit ihnen kooperieren, verdienten mehr als zuvor und bekämen zudem einen Bankzugang sowie eine Renten- und Krankenversicherung.
Die Lebensbedingungen für Landwirt*innen sollen besser werden
Die Verbesserung der Lebensbedingungen von Landwirt*innen und ihren Familien ist ein zentraler Bestandteil des ganzheitlichen Konzepts von SEKEM.
Dazu gehören Fairtrade-Prinzipien in der eigenen Produktion und beim Einkauf genauso wie eine Alphabetisierungsschule, Förderprogramme für Frauen oder ein Gesundheitszentrum für alle Mitarbeitenden und Studierenden.
In allererster Linie gehe es bei SEKEM um die Potenzialentfaltung von Menschen, sagt Helmy Abouleish.
„Wir nutzen ein Bild aus dem Koran, wo vom Licht Allahs in jedem von uns die Rede ist. Dieses Licht wollen wir zum Strahlen bringen.“
Ägypten gehört schon heute zu den Ländern, die am stärksten von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen sind. Es zählt wie auch Tunesien zu den 25 Ländern weltweit, deren Wasserversorgung unter extrem hohem Druck steht. Ein Wandel in der Landwirtschaft sei angesichts dieser Bedrohung unvermeidlich, glaubt Helmy Abouleish. Die Frage sei nur, ob er aus Einsicht komme oder erst durch Krisen und Katastrophen erzwungen werde.
„Wir sind diejenigen, die versuchen, ihn aus Einsicht mitzugestalten“,
betont er und zitiert den persischen Dichter Rumi:
„Der Weg erscheint, wenn man ihn geht.“