21. November 2025, 17 Uhr. Wie jeden Freitag sitzt vor dem Rathaus von Figuig entlang der ockerfarbenen Mauern eine lange Reihe von Frauen auf dem Boden. Eingehüllt in das Weiß ihrer Haïks, Gewänder aus Wolle, sind diese Frauen seit zwei Jahren die treibende Kraft eines Bürgerwiderstands: der Hirak al-Ma‘, arabisch für Wasserbewegung. „Das Wasser von Figuig ist nicht zu verkaufen”, skandieren sie. Und: „Nein zur Firma!“ Inmitten der weißen Flut trägt die 66-jährige Fatima die Erinnerungen an eine Oase in sich, die die neue Generation nur aus den Erzählungen der Älteren kennt. Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihrer Jugend im Herzen des Palmenhains erzählt: „Meine Kindheitserinnerungen sind untrennbar mit unseren Gärten verbunden. Es gab herrliche Becken und Kanäle, in denen wir badeten. Unsere Kindheit war geprägt von Überfluss und dem Rauschen des Wassers.“
Figuig liegt auf 900 Metern Höhe im äußersten Südosten Marokkos. Es besteht aus sieben Dörfern auf einer Fläche von 35 km² und hat etwas mehr als 10.000 Einwohner*innen. Figuig ist eine grüne Insel inmitten von Bergen und auf drei Seiten von der algerischen Grenze umgeben. Die Menschen leben hier seit Jahrhunderten in einer abgeschotteten Welt. Sie verlassen sich nur auf sich selbst und das Grundwasser. „Unser Wasser gehört seit jeher uns“, sagt Naïma, eine Bäuerin, die den Familienbetrieb übernommen hat. „Es waren unsere Vorfahren, die die Khettaras [unterirdische Bewässerungssysteme] gebaut haben. Wenn ein Unternehmen kommt und uns unsere Ressource wegnimmt, wird die Oase verschwinden. Das werden wir nicht zulassen. Wir kämpfen für die nächsten Generationen.“
Das Unternehmen, von dem die Landwirtin spricht, ist ein staatliches Projekt. 2023 beschloss die Regierung das Gesetz 83-21, das die Gründung regionaler Gesellschaften (Sociétés Régionales Multi-services / SRM) zur Verwaltung von Wasser, Strom und Abwasser vorsieht. In Figuig wurde diese Entscheidung als Versuch empfunden, der Oase ihre Identität zu nehmen. Hier ist Wasser keine Ware, deren Verwaltung man an ein 400 Kilometer entferntes Unternehmen delegieren kann; es ist das Blut, das in den Adern des Palmenhains fließt, ein Gemeingut, das die harte Arbeit der Vorfahr*innen verfügbar gemacht hat.
Wasser als Erbe
„Die Oase ist keine natürliche Schöpfung“, erklärt Majid Boudia. Der Landwirt und Experte trug 2022 dazu bei, dass Figuig von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als Teil des weltweiten landwirtschaftlichen Erbes (SIPAM) anerkannt wurde. „Unsere Vorfahren haben diesen Teil der Wüste dank ausgeklügelter Bewässerungssysteme, der Nutzung des Grundwassers und dem Anbau von Palmen und anderen Arten in einen Lebensraum verwandelt. Dieses überlieferte Wissen, das auf Wassermanagement und Solidarität basiert, ist für unser Überleben und unsere Kultur von entscheidender Bedeutung.“ Historisch gesehen war die Oase weit mehr als nur ein landwirtschaftliches Gebiet: Sie war die wirtschaftliche Lunge der Wüste, ein unverzichtbarer Knotenpunkt für Karawanen und eine Station für Pilger auf dem Weg zu den heiligen Stätten.
Das Geheimnis des Überlebens von Figuig kann man nicht sehen, man muss es hören. Das Wasser sprudelt hier aus 17 artesischen Quellen mit Temperaturen zwischen 31 °C und 37 °C.
Majid zeigt den Agoudass, ein steinernes Gebäude, in dem sich ein Wasserverteiler befindet. Die Einwohner*innen von Figuig haben ihn vor Jahrhunderten gebaut. Er sieht aus wie ein Uhrwerk aus Stein, auf dessen Boden die leuchtend blau gestrichenen Rinnen eine geometrische Form zeichnen. Majid fungiert im Agoudass wie ein Dirigent. Mit der Präzision eines Uhrmachers manipuliert er die Kieselsteine und Tücher, die dazu dienen, den Wasserfluss zu lenken. Um mehr Freiheit zu gewinnen, haben die Figuigis etwa 200 Speicherbecken gebaut. Diese Reservoirs dienen als Regler: Sie sammeln das Wasser während der Nacht, um eine Bewässerung am Tag zu ermöglichen. So ist das Wasser auf Abruf verfügbar. Dieses System erspart viel Arbeit: früher mussten Frauen 30-Liter-Tontöpfe Kilometer weit tragen, um ihre Familien mit Wasser zu versorgen.
Das Trinkwassernetz ist das Ergebnis eines kollektiven Eides, einer solidarischen und gemeinschaftlichen Arbeit.
Mit der Gründung der landwirtschaftlichen Gemeinde im Jahr 1963 wurden öffentliche Brunnen in der Nähe der Wohnhäuser installiert. Anschließend ermöglichte eine gemeinsame Vereinbarung zwischen der Gemeinde und den Oasen-Bewohner*innen den Bau eines Trinkwassernetzes. Dieses Netz wurde von der Zentralverwaltung weder finanziert noch angelegt. Es ist das Ergebnis eines kollektiven Eides, einer solidarischen und gemeinschaftlichen Arbeit, die Twiza genannt wird: Jede Familie „opferte“ einen Teil ihrer privaten Wasserrechte für das Gemeinwohl, und jede trug nach ihren Möglichkeiten dazu bei, die Erde auszuheben, das Material zu kaufen und die ersten Wasserhähne zu installieren. Indem sie ihre Infrastruktur selbst aufbauten, schufen die Figuigis ein unveränderliches Recht namens Haq l-ma, das Recht auf Wasser. Um die Instandhaltung der Leitungen zu gewährleisten, einigten sich die Bewohner*innen darauf, einen symbolischen Preis an die Gemeinde zu zahlen, die sich verpflichtet hat, die Oase mit Straßen, Strom und Infrastruktur auszustatten.
Diese Anstrengungen erklären, warum die Bewohner*innen auch heute noch der Meinung sind, dass das Wasser ihnen gehört und nicht dem Staat. „In der Oase wurden wir so erzogen: Wasser ist kostbar, man verschwendet nichts und verwendet jeden Tropfen wieder. Dieser Umgang mit der Ressource hat sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer Kultur des Überlebens entwickelt und einen sozialen Zusammenhalt geschaffen, der bis heute besteht“, sagt Majid Boudia. Selbst durch den Übergang zu einer kommunalen Stadtverwaltung im Jahr 1994 wurde dieser soziale Vertrag nicht beendet. Heute bildet er den stärksten Schutzwall gegen die Reform. Für Majid und seine Familie gilt: Was man gemeinsam aufgebaut hat, privatisiert man nicht.
Kunst der Knappheit
Der Konflikt, der Figuig spaltet, konzentriert sich heute auf einen Text: das Gesetz 83-21. Für die Behörden ist die Gründung der regionalen Gesellschaften (SRM) eine unvermeidliche Modernisierung der Ressourcenbewirtschaftung. Sie soll angesichts wachsender Wasserknappheit verhindern, dass Wasser verloren geht. Für die Menschen in Figuig bedeutet dies einen brutalen Bruch mit einer kollektiven Bewirtschaftung, die seit jeher als unveräußerliches Gemeingut gilt.
Diese Verbundenheit habe nichts Sentimentales an sich, sagt Samira Mizbar, Sozialökonomin aus Figuig. Sie sei vertraglich geregelt und rechtlich eindeutig.
„Die Quellen, die Figuig versorgen, gehören Familien. Dieses Recht ist im Amtsblatt festgeschrieben“, erinnert die Sozialwissenschaftlerin. „Jeder Berechtigte ist dort mit seinem genauen Anteil aufgeführt.“
Mit diesem Eigentum gehe auch eine Pflicht zur Wachsamkeit einher, glaubt Fatiha Kadi von der Wasserbewegung: „Dass wir heute noch Wasser haben, ist kein Zufall, sondern liegt daran, dass wir die Kunst der Knappheit beherrschen. Wir richten uns nach dem Rhythmus des Wassers. Wenn es reichlich vorhanden ist, nutzen wir es; wenn es knapp wird, sparen wir.“ Sie erinnert daran, dass das Wasser phänomenale Entfernungen aus dem Atlasgebirge zurücklegt, um dieses Land zu erreichen, wo der Himmel nur 120 Millimeter Regen pro Jahr spendet. „Jeder Tropfen, der hier ankommt, ist ein Wunder, das die Berge durchquert hat."
Auch wenn die SRM als nationales Projekt zur Sicherung der Wasserversorgung präsentiert wird, bleiben in der Oase Zweifel bestehen. „Wir wissen seit Jahrhunderten, wie man mit Wasserknappheit umgeht. Wenn man die Wasserversorgung wirklich sichern will, warum erlaubt der Staat dann weiterhin den Bau von Brunnen und Motorpumpen?“, fragt Majid Bouida.
Das gesamte natürliche Gleichgewicht des Oasenmikroklimas droht zusammenzubrechen.
Figuig liegt auf einem Grundwasservorkommen, dessen seit Jahrhunderten bestehendes Gleichgewicht nun durch den doppelten Effekt des Klimawandels und der Übernutzung zu zerbrechen droht. 2021 offenbarte ein Bericht der FAO eine alarmierende Realität: Innerhalb von fünfzig Jahren sind siebzehn der neununddreißig historischen Quellen der Oase versiegt. Die insgesamt verfügbare Wassermenge ist erheblich geschrumpft – von 300 auf 180 Liter pro Sekunde. Dieser Rückgang ist laut Majid Boudia keine klimatische Zwangsläufigkeit. „Sicherlich spielen der Klimawandel und die Dürre eine Rolle, aber es ist vor allem der Druck durch den Menschen, der die Oase zerstört.“
Kampf um Kontrolle
Im Jahr 2010 wurde mit dem Bau des Sfissef-Staudamms 30 Kilometer nordwestlich von Figuig begonnen, 2015 wurde er in Betrieb genommen. Indem er eine Illusion von Sicherheit vermittelte, förderte er Investitionen in Palmenarten wie Mejhoul, die extrem viel Wasser verbrauchen. Sobald die Dürre den Damm geleert hatte, wandten sich die Eigentümer*innen massiv dem Grundwasser zu. Allein im Jahr 2021 wurden 1.338 Brunnen gegraben.
Mit dem Absinken des Wasserspiegels steigt zudem ein unsichtbarer Feind aus der Tiefe empor: das Salz, das die Oasengärten endgültig unfruchtbar machen könnte. „Durch den Verlust der Kontrolle über das Wasser droht das gesamte natürliche Gleichgewicht des Oasenmikroklimas zusammenzubrechen“, sagt Boudia.
Tatsächlich haben die Palmenhaine in vielen Oasen Marokkos einen Modernisierungstrend erlebt, der sie in stark vereinfachte Agrarsysteme verwandelt hat.
Auch wenn diese potenziell produktiver sein können, sind sie auch anfälliger für die Verknappung der Wasserressourcen.
Um der Hirak-Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen, organisierten die Behörden mehrere Treffen mit ihren Mitgliedern. Sie erklärten, die SRM sei ein staatliches Unternehmen, das weder Privatisierungen noch Tariferhöhungen plane. Doch der Wortlaut des Gesetzes widerspricht dem. So sieht Artikel 2 etwa die Gründung einer Aktiengesellschaft (SA) nach Handelsrecht mit einem industriellen Zweck vor. Sie soll die Wasserressourcen künftig verwalten. Artikel 3 präzisiert, dass das Kapital für den privaten Sektor geöffnet werden kann, solange die Beteiligung des Staates nicht unter zehn Prozent sinkt.
„Eine SA ist ein Unternehmen“, sagt Samira Mizbar. Der Staat wolle Wasser in eine Ware verwandeln, die man in Rechnung stellt. „Das ist inakzeptabel, zumal ein großer Teil der Bevölkerung sich das nicht leisten kann.“ Angesichts dieser Sackgasse haben sich die Demonstranten an die Ombudsstelle des Königreichs gewandt. Auch wenn bisher noch keine greifbaren Ergebnisse erzielt wurden, ist Aufgeben keine Option. „Aufgeben würde bedeuten, Figuig zu verlassen. Und das kommt überhaupt nicht in Frage“, betont Samira.
Millionen Minuten Widerstand
Der Hirak von Figuig fing ganz klein an. Im Oktober 2023, zwei Tage vor der ersten Abstimmung über die Umsetzung des Gesetzes 83-21 im Gemeinderat, demonstrierten sechs Menschen vor dem Rathaus. Ein junger Fotograf streamte das Sit-in live auf Facebook. Schließlich stimmte der Gemeinderat mit ganz knapper Mehrheit für den umstrittenen Beitritt zur SRM. Aus dem Gefühl, von den Politiker*innen verraten worden zu sein, entstand kurz darauf die lokale Koordinierungsstelle für die Interessenvertretung in Angelegenheiten der Oase von Figuig.
Einer der größten Erfolge der Wasserbewegung war es, die geografische Isolation von Figuig durch den Aufbau nationaler Unterstützungsallianzen zu durchbrechen.
Es entstand eine Koalition aus 24 Mitgliedern, darunter Gewerkschaften, Menschenrechtsorganisationen und feministische Bewegungen.
Diese Unterstützer*innen kamen im Rahmen einer denkwürdigen Solidaritätskarawane, die von Casablanca über mehrere Städte nach Figuig führte, in der Oase zusammen. Sie machten deutlich, dass das Problem von Figuig kein lokaler Streit ist, sondern eine Frage der Souveränität und der Menschenrechte.
Inzwischen bringt sich die Wasserbewegung auch auf nationaler Ebene ein: für einen Studientag im Herzen des Parlaments oder bei großen nationalen und internationalen Konferenzen zum Thema Wasserknappheit und Klimawandel. Am 26. September 2025 hat die Bewegung einen schwindelerregenden Meilenstein erreicht: eine Millionen Minuten Widerstand – durch Sitzstreiks unter der sengenden Sonne oder in der klirrenden Kälte der Berge, nächtliche Märsche im Schein von Handy-Taschenlampen oder Konzerte mit Kochtöpfen.
Frauen sind die eigentliche treibende Kraft: Sie sind widerstandsfähig, verwurzelt und bereit, alles zu tun, um unser Wasser zu schützen.
An vorderster Front sind dabei immer die Frauen im traditionellen weißen Gewand, dem Haïk. Der Haïk, der früher den Älteren oder der Arbeit auf dem Feld vorbehalten war, ist zu einem mächtigen Instrument der politischen Kommunikation geworden. Das Kleidungsstück erinnere an alte Kämpfe, sagt Fatiha Kadi: „Es ist das Echo des Widerstands gegen den Kolonialismus und während der Jahre der Bleiernen Ära.“ Die Frauen von Figuig seien schon immer Widerstandskämpferinnen gewesen und ein Vorbild für ganz Marokko. „Indem sie den Haïk tragen, schützen sie ihre Würde gegenüber dem, was sie als neuen neoliberalen Kolonialismus bezeichnen.“
Die Rolle der Frauen in der Hirak von Figuig geht über ihre bloße zahlenmäßige Präsenz hinaus; sie sind die eigentliche treibende Kraft. „Ich habe die Frauen von Figuig immer mit unseren Palmen verglichen“, sagt Zoubida Benali, Mitglied der Koordinierungsgruppe der Wasser-Hirak. „Die Palme ist absolut widerstandsfähig: sie verbraucht nur das Nötigste zum Überleben, ist aber in der Lage, ihre Wurzeln über unglaubliche Entfernungen auszubreiten, um auch die geringste Spur von Feuchtigkeit aufzunehmen. Die Frauen hier sind genauso. Sie sind widerstandsfähig, verwurzelt und bereit, alles zu tun, um unser Wasser zu schützen.“
Die zentrale Rolle der Frauen erklärt sich auch durch eine demografische Realität. Angesichts der Landflucht, die die Männer zur Migration zwingt, sind sie zu den Säulen der Wirtschaft der Oasen geworden – ob bei der landwirtschaftlichen Arbeit oder im Geschäftsbetrieb. Fatima Kandar, 63 Jahre alt, verkörpert diese Beharrlichkeit. An der Spitze einer Wollgenossenschaft und eines Vereins zum Schutz des Kulturerbes nutzt sie die Poesie als Hebel des Widerstands. „Ich habe nie eine Schule von innen gesehen, aber die Worte wissen, wo sie mich finden. Die Gedichte kommen ganz von selbst zu mir. Dank des Hirak wurde meine Stimme überall gehört, und sie wird auch nicht verstummen.“
Eine ausführliche Fassung des Textes auf Französisch ist auf der Seite des Büros Marokko der Heinrich-Böll-Stiftung verfügbar.