Die Katastrophe von Tschernobyl geht über den konkreten Ort und das Datum hinaus: Ihre Erinnerung hat sich im Laufe der Jahre gewandelt und berührt den Kern der Beziehungen zwischen Mensch, Umwelt und Technik.
Die Katastrophe von Tschernobyl: Wann?
Vierzig Jahre sind vergangen, seitdem sich Tschernobyl in Form von Explosionen in einem Reaktor im Kernkraftwerk Lenin nahe der ukrainischen Kleinstadt Tschornobyl ereignet hat. Wir machen Tschernobyl für gewöhnlich an einem konkreten Datum fest: der Nacht des Unfalls vom 25. auf den 26. April 1986. Aber mit diesem einen Datum allein lässt sich das Ereignis nicht greifen.
Wie alle Katastrophen hat auch diese Katastrophe eine Vorgeschichte. Viele Faktoren spielten zusammen. Auch wenn man in der Ex-post-Perspektive einer Katastrophe den Eintritt des Ereignisses natürlich in einer klaren Kausalkette herleiten will, um erklären zu können, was eigentlich geschehen ist, so muss die Ex-ante-Perspektive keineswegs teleologisch aussehen. Tschernobyl ist dafür ein sinnbildliches Beispiel. Als sich die Explosionen im Reaktor bereits ereignet hatten, war dem Kraftwerkspersonal im Kontrollraum noch keineswegs klar, dass der Reaktor bereits zerstört war. Im Gegenteil: sie setzen ihr Leben aufs Spiel um zu verhindern, was bereits eingetreten war.
Unzählige Studien wurden veröffentlicht, um eine klare Kausalkette, die zum punktuellen Ereignis führte, im Detail zu rekonstruieren. Dabei wurde der Fokus mal mehr auf die technischen Gegebenheiten des Reaktormodells, mal mehr auf das Kraftwerkspersonal gelegt oder beide in ihrer Wechselbeziehung als „Mensch-Maschine-Interaktion“ untersucht. Auch wurde der größere Kontext beleuchtet, in dem sich diese spezifische Mensch-Maschine-Interaktion ereignete: das sowjetische Atomprogramm, seine Machtstrukturen und seine Einbettung in das sowjetische politische System. Diese Kontexte wurden wiederum bezogen auf größere historische Zusammenhänge, die selbst ganz konkret auf das Ereignis zurückwirkten. Tschernobyl ist somit untrennbar verwoben mit der Epoche der Teilung Europas durch den Kalten Krieg und mit dem Atomzeitalter. Wo fängt nun also das Ereignis „Tschernobyl“ an? Ist es wirklich der Moment, in dem der Reaktorblock 4 im Kernkraftwerk Lenin explodiert? Werden wir der Komplexität dieser Katastrophe gerecht, wenn wir sie erst in dieser Nacht beginnen lassen?
Die Katastrophe von Tschernobyl: Wo?
Es ist also schon schwierig genug, nach dem Beginn dieser Katastrophe zu fragen, aber noch schwieriger wird es, wenn wir fragen: Wo hat sich diese Katastrophe eigentlich ereignet? Und wer und was ist von ihr betroffen? Der zerstörte Reaktor steht an einem ganz konkreten Ort in der Ukraine. Der radioaktive Fallout verbreitete sich über die gesamte nördliche Hemisphäre. Die flächenmäßig größten Teile der stark kontaminierten Gebiete befinden sich in Belarus. Die sogenannten Liquidatoren und Liquidatorinnen, die die Aufräum- und Dekontaminierungsarbeiten auf dem Kraftwerksgelände und in der errichteten Sperrzone durchführten, kamen aus der gesamten Sowjetunion und leben heute – ebenso wie die aus der Region evakuierten und geflüchteten Menschen – über die ganze Welt verteilt. Die durch Tschernobyl freigesetzten radioaktiven Nuklide wanderten auf unterschiedliche Weise durch unterschiedliche geographische Zonen und tun es bis heute. Sie stecken in Tieren, die sich aus der Sperrzone hinein- und hinausbewegen, in Pilzen und Blaubeeren, die lokal gesammelt und international verkauft werden, in Uniformen von russischen Soldaten, die das Gelände um das Kraftwerk zu Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine besetzten. Wenn wir Tschernobyl als Ereignis mit der Ausbreitung des freigesetzten radioaktiven Materials gleichsetzen, ist dieses Ereignis keineswegs vorbei – und wird es auch noch sehr lange nicht sein. Ebenso dauert die Betroffenheit der Menschen an, die diesem radioaktiven Material ausgesetzt waren oder sind. Zudem bleiben die Biographien Tausender Menschen über Generationen hinweg geprägt von den lebensweltlichen Umbrüchen durch Umsiedlungen und Verlust der Heimat. Tschernobyl als Ereignis dauert also an – und hat keineswegs ein Enddatum.
Was bedeutet es, Tschernobyl zu erinnern?
Was erinnern wir also, wenn wir uns anlässlich der Jahrestage an „Tschernobyl“ erinnern? Erinnern wir uns an ein Ereignis aus der Vergangenheit? Oder erinnern wir uns an die Präsenz des andauernden Ereignisses in unserer Gegenwart? Oder erinnern wir uns – in der Lesart einer Gruppe französischer Soziolog*innen und Philosoph*innen rund um Guillaume Grandazzi und Frédérick Lemarchand – an die Zukunft, weil das eigentliche Ereignis, nämlich die Spätfolgen von Tschernobyl, erst noch eintreten wird und gleichzeitig Tschernobyl als Ereignis der Vergangenheit uns daran erinnert, wie unsere Zukunft in einem Zeitalter unabsehbarer technologischer Risiken aussehen könnte, wenn die in Tschernobyl erprobten Bewältigungsmaßnahmen nicht zur Ausnahme, sondern zur Regel werden.
Die Frage: „Was bedeutet es, Tschernobyl zu erinnern?“ ist somit inhärent politisch. Nicht nur politisch im atom- oder energiepolitischen Sinn. Diese Dimension spielte und spielt natürlich eine wichtige Rolle, gerade in der Erinnerungsarbeit der Grünen Bewegung und ihrer Parteien, um mittels des Verweises auf Tschernobyl die Gefahren der zivilen Nutzung von Atomenergie aufzuzeigen.
Aber es geht bei der politischen Dimension der Erinnerung an Tschernobyl eben nicht alleine um Atom- und Energiepolitik. Die Erinnerung an Tschernobyl berührt ganz grundsätzliche Problematiken von Mensch-Umwelt-Technik-Beziehungen. Bei der Erinnerung an Tschernobyl geht es nicht mehr um die Frage, welche Risiken wir eingehen wollen – wir sind die Risiken schon längst eingegangen. Es geht auch nicht mehr um die Frage, wie wir mit den Folgen von Katastrophen umgehen wollen – wir gehen jeden Tag mit ihnen um. Auch geht es inzwischen nicht mehr um die Frage, wie wir zukünftige Katastrophen verhindern wollen. Von vielen Katastrophen wissen wir, dass sie eintreten werden und dass unsere Coping-Mechanismen von Versicherheitlichung bis Resilienz ihre eigenen Problemdimensionen mit sich bringen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Tschernobyl so viele Menschen interessiert und berührt, warum zum 40. Jahrestag erneut so viele TV-Dokumentationen, Bücher, Podcasts und Zeitungsberichte veröffentlicht wurden und Diskussionsrunden und Veranstaltungen stattgefunden haben. In der Beschäftigung mit Tschernobyl wird konkret greifbar, was im akademischen Konzept des Anthropozäns oft nur sehr abstrakt verhandelt wird: das Spannungsverhältnis zwischen der Sprachlosigkeit in Hinblick auf die Dimensionen der Katastrophe und die gleichzeitige Notwendigkeit des Handelns.
Die Tschernobyl-Jahrestage und die Entwicklung der Erinnerung
Die Beschäftigung mit Tschernobyl hat sich in den vergangenen 40 Jahren verändert. Die Jahrestage dienen zwar nach wie vor als Anlass, um an die Katastrophe und ihre Folgen zu erinnern, aber über vier Jahrzehnte sind neue Bezugsrahmen und Kontextualisierungen hinzugetreten.
Die Erinnerungsarbeit im Jahr 1996 zum 10. Jahrestag war in Deutschland davon geprägt, auf das Schicksal der von Tschernobyl betroffenen Menschen in Osteuropa aufmerksam zu machen. Zeitgleich wurde der Jahrestag von Atomkraft-Kritiker*innen dafür genutzt, gegen die Nutzung von Atomenergie im Allgemeinen zu mobilisieren. Ein viel genutztes Argument – auch über Deutschland hinaus – lautete: Was in Tschernobyl passiert ist, könne auch in anderen Atomanlagen passieren.
| Dokument: „Die Pilzen haben ein längeres Gedächtnis“ Poster der Grünen im europäischen Parlament, Wilfried Telkämper (Archiv Grünes Gedächtnis, PL 03144) |
Atomkraft-Befürworter*innen – ebenso weit über Deutschland hinaus – griffen genau dieses Argument in ihrer eigenen Erinnerungsarbeit auf und betonten, dass ein Unfall wie in Tschernobyl eben nicht in einer anderen Atomanlage als dem sowjetischen RBMK-Reaktormodell auftreten könne.
Welche Akteure sich in der Erinnerungsarbeit zu Wort meldeten und in welcher Form Tschernobyl mit (atom-)politischen Argumenten verwoben wurde, hing – besonders in den Jahren nach dem zehnten Jahrestag – sehr vom nationalen Kontext ab.[i] Je nach Land wurde mal mehr, mal weniger auf die ökologischen und gesundheitlichen Auswirkungen innerhalb der eigenen Landesgrenzen fokussiert, wurden mal mehr mal weniger die Dynamiken des eignen nationalen Atomsektors durch die „Brille“ Tschernobyl betrachtet. Die unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen, die Tschernobyl erfahren hat, werden besonders im Vergleich zwischen Frankreich und Großbritannien deutlich: Während in Frankreich Tschernobyl ein zentraler Erinnerungsort der französischen Anti-Atombewegung ist, spielt der Unfall im britischen Atomdiskurs so gut wie keine Rolle.[ii]
Der 20. Jahrestag von Tschernobyl im Jahr 2006 war durch die internationale Debatte um die globalen gesundheitlichen Auswirkungen des Unfalls geprägt. Grund dafür war, dass anlässlich des runden Jahrestages mehrere internationale Organisationen – allen voran IAEA und WHO – Berichte veröffentlicht hatten, die quasi eine finale Evaluierung der Auswirkungen vornehmen wollten. Diese Berichte und ihre Studiengrundlagen wurden von Atomkraftgegner*innen heftig kritisiert – besonders hinsichtlich der geringen Zahl an Todesopfern, die der radioaktiven Strahlung zugerechnet wurden, und der Unterrepräsentanz von Studien osteuropäischer Wissenschaftler*innen. Es wurden eine Reihe Gegenberichte verfasst; der von der Grünen Europa-Abgeordneten Rebecca Harms in Auftrag gegebene „The Other Report on Chernobyl“ (kurz: TORCH) erlangte besonders viel Aufmerksamkeit und bezifferte erhebliche größere gesundheitliche Auswirkungen als es die Berichte der internationalen Organisationen taten.
| Dokument: Deckblatt des Berichtes „The other report on Cherobyl (TORCH)“ der Grünen im europäischen Parlament (Archiv Grünes Gedächtnis, B.III.6) |
Im Jahr 2011 wurde der 25. Jahrestag von Tschernobyl Ende April in enge Verbindung mit dem Unfall im japanischen Atomkraftwerk Fukushima gebracht, der sich am 11. März des gleichen Jahres ereignet hatte. Viele Publikationen und Veranstaltungen von Atomkraftgegner*innen betonten: „Es kann nicht nur wieder passieren: es ist wieder passiert!“. Und ähnlich wie bereits zuvor, betonten Atomkraftbefürworter*innen die Spezifika der Situation in Fukushima, die eine Übertragung des Szenarios auf andere Orte nicht erlauben würde.
Die Erinnerung an Tschernobyl heute und in der Zukunft
Die Erinnerungsarbeit rund um den 40. Jahrestag in 2026 fokussierte wieder mehr auf den konkreten Ort in der Ukraine, nicht zuletzt, weil die Kraftwerksruine und die Sperrzone in den vergangenen Jahren zu einem zentralen strategischen Spielball in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine geworden sind.
Die wechselnden Schwerpunkte der Thematisierung von Tschernobyl – vom geographischen Hinein- und Hinaus-Zoomen, über das In-Verbindung-Setzen zu anderen atomaren Unfällen, hin zu den wechselnden Bezugnahmen auf nationale (atom-)politische Kontexte – werden die Erinnerung an den Unfall sicher auch weiter prägen. Welche Dimensionen und Zuschreibungen Tschernobyl in Zukunft darüber hinaus erfahren wird, wird sich zeigen. Vergessen wird dieser Unfall aber sicher nicht werden, alleine schon, weil seine Auswirkungen uns fortwährend begleiten werden. Diese Auswirkungen sind längst Teil eines kulturellen Gedächtnisses geworden, besonders in Osteuropa. Dort prägen die individuellen Formen der Bewältigung der Folgen von Tschernobyl den Alltag der Betroffenen. Aber diese individuelle Ebene wird durch eine kulturelle Ebene erweitert: vom preisgekrönten Buch „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch bis hin zum populären Ego-Shooter-Videospiel STALKER wurde und wird Tschernobyl mittels unterschiedlichster kultureller und medialer Ausdrucksformen verarbeitet – und global rezipiert. Wie auch immer sich der konkrete Ort – die Reaktorruine des Kernkraftwerks Lenin nahe der ukrainischen Kleinstadt Tschornobyl – in Zukunft verändern mag: Tschernobyl als fortdauerndes, geographisch fluides, und in seiner Interpretation und Bezifferung hoch umstrittenes Ereignis ist Teil des globalen Gedächtnisses des Anthropozäns.
Quellen- und Literaturverzeichnis
Karena Kalmbach (2013): Radiation and Borders – Chernobyl as a National and Transnational Site of Memory, in: Global Environment 11, S. 130-159
Karena Kalmbach (2016): Tschernobyl: Facetten eines Erinnerungsortes, 18.04.2016
Karena Kalmbach (2021): The Meanings of a Disaster. Chernobyl and Its Afterlives in Britain and France, New York/Oxford: Berghahn Books