"Schreiben wollte ich immer..." - Briefe aus dem Krieg

"Schreiben wollte ich immer..." - Briefe aus dem Krieg

"Schreiben wollte ich immer..." - Briefe aus dem Krieg

Dossier: Zum 90. Heinrich Bölls

22. Januar 2008
»Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später« - Böll hat ab 1936, achtzehnjährig, ernst mit dem gemacht, was er in seinem 1959 verfassten kurzen Selbstportrait  ›Über mich selbst‹ als seine Notwendigkeit formulierte: mit der Literatur. Dabei bildeten sich bereits in diesen frühesten Texten die Schwerpunkte heraus, die seine Texte bestimmten: das Leiden an einer dem Individuum gegenüber ungenügenden Gegenwart und ein christlicher Glaube. Und von Beginn an teilt sich eine weitere Überzeugung mit: Der Literatur sei eine einzigartige Erkenntnisfähigkeit gegenüber der nichtliterarischen Realität zu eigen, und diese gelte es mittels der Phantasie, der Vorstellungskraft und der Sprache zu durchschauen, d.h. die wirkliche ›Wirklichkeit‹ in eigenständig begründeten Bildern »sichtbar« zu machen.

Bis zum Eintritt in den Reichsarbeitsdienst (November 1938) entstehen in diesem Sinne Texte, die Bölls mitunter wütend artikuliertes Unbehagen an der sozialen, vor allem aber kirchlichen Ordnung im Spiegel einer ›Mitleids‹- und ›Armutstheologie‹ artikulieren. Seine Suche nach Orientierung, die er neben der mehr und mehr bevorzugten Prosa bereits auch in lyrischer und essayistischer Form zu erhalten versuchte, skandiert ein gleichsam weltanschaulich abklärendes Interesse, das Fragen einer von der Form, der ›Komposition‹ (mit)getragenen ›Aussage‹ noch weitgehend unberücksichtigt ließ. Entscheidend war, Licht in eine die eigene Lebenswelt bestimmende »Mischung aus Boheme, heruntergekommenem Kleinbürgertum in dem Sinne, wie man einen schäbigen Anzug trägt […] und nun noch proletarischer Beimischung, die sich aus dem Wirtschaftlichen ergab« zu bringen. »Vermengt – und immer wieder reflektiert – mit religiösen Traditionen, die gebrochen, zerbrochen wurden. […] Der Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft. Ein Urthema der Literatur. Ein Zerfall, der eben in den zwanziger und dreißiger Jahren so sichtbar war, daß er für mich ohne große ideologische Vorbereitungen zum Thema wurde, zum Stoff.«

Zum »Stoff« wurde dann auch der Nationalsozialismus, dessen Heraufkommen Böll mit bissigen Kommentaren begleitete. So glossierte Böll Hitlers Besuch in Köln am 19. Februar 1933 am Rande seiner Schulausgabe von Xenophons Kyur Anabasis: »Adolf Hitler redet in Köln; Faschisten Kanone Hitler sabbert; ein abgerutschter Sozialist, genannt Hitler (N.S.D.A.P.) macht sich unliebsam laut – Tod den Braunen«, oder am Einbandrand seiner Tacitus-Ausgabe »Der NS-Wahn setzt sich durch 1.2.1937."

Eine Zäsur in die literarische Produktivität von Bölls erster Schreibphase setzte der Krieg. Geschrieben hat Böll dennoch weiter – keine literarischen Texte, dafür aber Hunderte von Feldpostbriefen an seine Familie sowie an seine Freundin und spätere Frau Annemarie, die 1910 in Pilsen geboren wurde, nach dem frühen Tod ihrer Eltern aber bei den in Köln-Nippes lebenden Großeltern aufwuchs und eine Studienfreundin von Bölls Schwester Mechthild war, über die sich beide kennenlernten.


Briefe aus dem Krieg 1939-1945

Bölls Feldpostbriefe, 2001 in einer zweibändigen Edition erschienen, sind ein zeitgeschichtliches und lebensgeschichtliches Zeugnis, das die Prägungen der Kriegszeit eindrücklich erkennbar macht. So sehr Böll den »Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft« auch als sein Thema, als die Grundmotivation und als Anlass des Schreibens annoncierte, so unbestreitbar zählt der Krieg mit zu den für Bölls Schreiben entscheidenden Erfahrungen. Zugleich gilt aber auch der Hinweis, den Böll 1977 in einem Interview nachdrücklich formulierte: »Ich habe nichts über den Krieg aufgeschrieben.« In der Tat ist der Krieg als Schlacht, wie ihn beispielsweise Ernst Jünger In Stahlgewittern oder Das Wäldchen 125 darstellt, kein Sujet Bölls. Die Schauplätze seiner in der Nachkriegszeit veröffentlichten Texte liegen in der Regel fernab der Front, in der sog. Etappe. Dem entspricht biographisch Bölls Verwendung in der Zeit als Soldat der dt. Wehrmacht – und dies war er ab 1939 bis zum Schluss 1945 –, in der er zumeist als Besatzungssoldat eingesetzt worden war. Nach Einberufung in eine Osnabrücker Kaserne Ende August 1939 wurde Böll 1940 in Polen, dann nach kurzer Zeit in Frankreich und zwischenzeitlichem Einsatz im Rheinland wiederum in Frankreich verwendet, vorwiegend in Ortschaften an der Kanalküste. Seine »Fronterfahrung« wurde Böll erst Ende 1943 zuteil, als er aus dem französischen Küstenort Le Tréport auf die Krim verlegt wurde.

Seine Erfahrung des Krieges markierte Böll in seinen Feldpostbriefen mehrfach unter Verwendung einer Sequenz aus Ernst Wiecherts Roman Jedermann, an die ihm seine Sicht auf die Beschädigung des ›Inneren‹ durch eine aufgenötigte Existenz und deren als sinnloser Zwang empfundenen Formen besonders anschlussfähig schien: »Wer den Krieg beschreiben will und von Blut und Trommelfeuer erzählt, ist ein Tor. [...] Der Krieg [...], das ist, daß unser Herz leer ist« – so war es bei Wiechert zu lesen. Dieser Satz markiert Bölls Grundoptik für das, was »wirklich« war: »Das ist der Krieg: eine überfüllte, schmuddelige Schenke, Feldwebel und Soldaten und eine grausame sentimentale Mischung vom Radio, Qual und Singerei, Hafenleute und mitten, mittendrin ein großes Billard« oder »Der Stumpfsinn ist wahnsinnig, wirklich eine Fülle von elendem Stumpfsinn; wenn ich nur einen Menschen hätte, mit dem ich sprechen könnte!« – »Dieser ganze wahnsinnige Kasernenrummel ertötet in mir jeden Gedanken an die Möglichkeit eines Lebens« – »Ich leide jede Sekunde maßlos unter meinem uniformierten Zustand, jede Sekunde, wenn ich nicht bei Dir [gemeint ist Annemarie Böll] oder zu Hause bin« – »Warten müssen ist doch das Schlimmste. [...] Wir warten immer auf irgend etwas, auf Versetzung, Einsatz, Urlaub, auf die Erfüllung oder Dementierung irgendeines Gerüchts, und wenn nicht auf eines von diesen Dingen, so warten wir doch letztlich immer auf unsere Entlassung. Auf die Entlassung warten wir mit ähnlichen Gefühlen wie die gläubigen Juden auf den Messias. [...] Oh, auf solche Dinge warten, die an sich gewiß sind, aber zeitlich nicht festgelegt, weißt Du, daß das die Hölle auf Erden ist.«

Erst das Erleben des Fronteinsatzes verändert den Ton radikal: »Das Leben ist grausam, und der Krieg, jeder Krieg ist ein Verbrechen; für immer bin ich absoluter Anti-Militarist geworden in diesen letzten Monaten elender Quälerei« schrieb Böll am 11. Mai 1944. »Ich hasse den Krieg... Gott weiß, ich kenne nun den Krieg, alle und jede Möglichkeit... glaube nichts« heißt es dann in einem Brief vom Juni 1944, wenige Wochen nach seiner Verwundung. Und schließlich: »Ich weiß jetzt, daß der Krieg ein Verbrechen ist – ich hasse die Hölle der Uniform, überhaupt die Uniform an sich.«

Nach Einsatz und Verwundung in Russland, einem weiteren Fronteinsatz im rumänischen Jassy und dort ebenfalls erfolgter Verwundung kehrte Böll Ende 1944 über verschiedene Lazarette ins Rheinland zurück. Hier hält er sich in der Folge mitunter durch selbst herbeigeführte Fieberanfälle krank, so dass er sich bis zum 26. März 1945 – wobei ein manipulierter, den Urlaub um 20 Tage verlängernder Urlaubsschein das seinige beiträgt – weitgehendst der Wehrmacht entziehen kann. Aus Sorge, seine Entziehungsversuche könnten entdeckt und nicht nur für ihn, sondern auch für seine Familie unübersehbare Konsequenzen haben, meldete sich Böll am 26. März 1945 dann doch bei einer Versprengten-Sammelstelle und wurde einer Division zugeteilt, deren Mannschaften ihren Dienst als Brückenwache oder als Beobachtungsposten zu versehen hatten. Bereits kurz darauf, am 9. April, wird Heinrich Böll bei Kämpfen um den Weiler Bruchermühle nördlich des kleinen Ortes Denklingen bei Waldbröl in amerikanische Gefangenschaft genommen und tags darauf in ein Sammellager bei Andernach verbracht und von dort aus zunächst nach Namur (Frankreich) abtransportiert. Am 15. April schließlich wird er in das amerikanische Kriegsgefangenenlager Attichy bei Soissous verbracht, in dem er bis zum 14. August 1945 inhaftiert ist. An diesem Tag in Attichy entlassen, kommt er über die Zwischenstation La Hulpe (Belgien) am 11. September im Kriegsgefangenenentlassungslager in Weeze/Rhein an, der letzten Station vor seiner endgültigen Entlassung am 15. September 1945 aus dem städtischen Durchgangslager, das auf Anordnung der Militärregierung auf der Hofgartenwiese der Bonner Universität eingerichtet worden war.

Heinrich Böll: »Eine deutsche Erinnerung«

Stipendiaten der Heinrich-Böll-Stiftung über Heinrich Böll

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