Lieber Heinrich …

In den Straßen von Algier. Urheber/in: Patrick Gruban. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In diesem Auszug aus dem "Langenbroicher Tagebuch für Heinrich, posthum" erzählt der algerische Schriftsteller Mohamed Magani, wie er in den 90er Jahren in Algier die Bücher Heinrich Bölls entdeckte.

Vom Trümmerkrieg und dem Unglück, das er mit sich bringt, bekam ich einen ersten Eindruck an dem Tag, als mir aus Zufall – und mit Notwendigkeit, sollte ich hinzufügen – eines deiner Bücher in die Hände fiel.

Ein Zeitgenosse von Proust hat über ihn gesagt, dass er spreche, wie er schreibe. Damit wollte er sagen, dass auch Prousts gesprochene Sätze mehr als nur lang waren. Seinerzeit war das ohne Zweifel möglich. Heute verlangt man von uns, uns kurz und knapp auszudrücken – wie in der Werbung. In einem Schriftsteller gibt es die tief gegründete Neigung zu sprechen, wie er schreibt: d.h. zu erzählen, sogar auf die Gefahr hin, dass er sein Publikum langweilt. Ich werde dies Risiko eingehen und dir erzählen, wie Der Zug war pünktlich meinen Weg kreuzte.

Zu Beginn der 90er Jahre war unübersehbar, dass sich das Land in einer ungekannt tiefen Krise befand. Die Lebenshaltungskosten stiegen ständig. Dabei zeigten die Preise zweier essentieller Produkte das Ausmaß der sich vollziehenden Veränderung an: Brot und Bücher. Letztere wurden nicht länger vom Staat subventioniert. Sie wurden sehr, sehr teuer und rückten damit für den Großteil der Bevölkerung in unerreichbare Ferne.

Damals begann mein Interesse für den Tabak-, Schreibwaren- und Buchladen auf der anderen Straßenseite, 20 Meter von meinem Haus, zu wachsen. Dort verkaufte, kaufte, verlieh man gebrauchte Bücher-, Krimis, Trivialromane, Schulbücher, Kochbücher – und alte Ausgaben von Frauenzeitschriften. Die erste große Überraschung für mich war es, als ich an diesem Ort auf einen Joyce stieß.

Drei Brüder teilten sich die Arbeit in dem Shop. Der jüngste, ein Bursche in den Zwanzigern, war der abgebrühteste. Er verhandelte gebrauchte Bücher munter zum Vielfachen des üblichen Preises. Meine Frau bekam diese Unersättlichkeit zu spüren, als sie für mich einen Dos Passos aussuchte – sie zahlte dreimal soviel, wie ich hätte zahlen müssen. Der älteste litt darunter, nur die Volksschule besucht zu haben, gelegentlich sprach er mit mir darüber. Mit ihm waren immer Kompromisse möglich, und am Ende verließ ich mit dem begehrten Buch das Geschäft. Zuerst nahm ich vier, fünf oder sechs Bücher auf einmal (eine Mischung der verschiedenen Genres, zwischen die ich das eigentliche Objekt meines Interesses schob) und fragte nach dem Gesamtpreis. Er nahm sie, begutachtete ihren Allgemeinzustand und den Glanz der Einbände, wog sie wie Melonen in der Hand und warf mir dann einen einigermaßen übertriebenen Preis hin. Folglich musste ich nun ein Buch nach dem anderen weglassen und jedes Mal von neuem den Preis erfragen, bis zu dem begehrten Stück. Die Prozedur dauerte ihre Zeit, aber sie lohnte sich. So konnte ich mitten in der Bücherkrise Joyce, Dos Passos, Asturias, Bernanos, Vonnegut, Böll und eine ganze Anzahl anderer Autoren lesen.

Der dritte Bruder hatte das Herz eines Künstlers und machte einem das Geschäft relativ leicht. Er hatte seinen Spaß daran, Bücher zu horten, die anders waren, und sie bei Gelegenheit seinen Kunden vorzuzeigen. Ich ließ den Laden nicht aus den Augen – wie man die Straße nicht aus den Augen lässt, wenn der Postbote mit einer erlösenden Nachricht kommen soll. Ich wartete auf das richtige Buch vom richtigen Bruder zum richtigen Preis.

Auf Der Zug war pünktlich folgten Die verlorene Ehre der Katharina Blum und andere Bölls. Aber die Kleinodien, nach denen ich suchte, wurden immer seltener. Natürlich hatte ich versucht herauszufinden, woher sie kamen – vergeblich. Die drei Brüder stellten sich taub.

Ende der 90er Jahre dann machte ich zwei Entdeckungen: Ich hatte einen Rivalen, der sich bei der gleichen Adresse mit Büchern eindeckte, und ich lernte meinen bis dahin anonym gebliebenen Zulieferer von Heinrich-Böll-Büchern kennen.

Er war ein Nachbar, wenn auch, wie man sagen könnte, ein entfernter. Er wohnte drei Gebäude weiter. Wir knüpften Freundschaft, als er erfuhr, dass ich schreibe. Mir wurde bald klar, dass er diskret einen Großteil seines Bücherschrankes an den Tabakwaren- und Buchhändler aus dem Viertel verkaufte, um über die schwierigen Monatsenden eines Lehrers zu kommen. Er erwähnte eine ganze Anzahl von Autoren, deren Bücher ich bei den drei Brüdern hatte kaufen können, darunter Heinrich Böll.

Passagen aus deinen Büchern kannte er auswendig. Es regte ihn auf, dass sie oft nur als Dekoration für Hausbibliotheken dienten, als „Büchermobiliar“ für die im Grunde Bildungslosen.

Mitten in einem Krieg ohne Fronten, lieber Heinrich, stürzte ich mich wie toll in die Lektüre von Büchern, die ich beinahe im Kilogramm kaufte – statt selbst Literatur zu produzieren. Vielleicht hätte ich so das dauernde Gefühl von Bedrohung unterlaufen können, vielleicht hätte das den dauernd fortklingenden kollektiven Aufschrei des Entsetzens brechen können.

Schriftsteller und Intellektuelle rangierten als Zielscheiben an dritter Stelle hinter Polizisten und Prostituierten. Sie schieden brutal aus dem Leben und waren sich bis zum letzten Atemzug ihres Metiers als Schriftsteller bewusst – und damit eine der letzten Positionen von Freiheit in dieser Welt, wie du sagst. Jeder stirbt nackt, von allem entkleidet, auch von seinem Beruf, außer dem Schriftsteller, der mit seinem Körper den letzten Wall gegen das postsozialistisch vereinheitlichte
Denken bildet.

Ein religiöser, ethnischer oder regionalistischer Integrismus zersetzt in verschiedenen Teilen der Welt die Gesellschaft, und gleichzeitig triumphiert die letzte Einheitsidee: jener Neoliberalismus, der mit dem ökonomischen Paradigma der Globalisierung auf die ganze Welt übergreift. Wer sich nicht auf den Gang dieser weltweiten Bewegung einlässt, sagt man, wird das Nachsehen haben, wird noch am Bahnsteig stehen, während der Zug ausläuft. Das betrifft im Wesentlichen
die Drittweltländer Afrikas und Asiens.

Ich fürchte, dass dieser Zug der Zeit die Welt unvermeidlich in der gleichen Weise vereinheitlichen wird und dass er im gleichen Maße verderblich ist wie die globale Erwärmung. Er gefährdet das Überleben der verschiedenen Kulturräume und den Reichtum unterschiedlicher menschlicher Erfahrungen.


Auszug aus dem Manuskript: „Langenbroicher Tagebuch für Heinrich, posthum“ - zum 90. Geburtstag von Heinrich Böll.
Aus dem Französischen von Heike Smets

Mohamed Magani, 1948 in El Attaf bei Algier geboren, studierte englische Sprache und Kultur an der Universität Algier. Danach arbeitete er mehrere Jahre als Lehrer an einer Oberschule, bevor er 1982 in London das Studium der Erziehungswissenschaften aufnahm. Zu dieser Zeit begann er erste Kurzgeschichten (in Englisch) und Romane (in Französisch) zu veröffentlichen. 1990 kehrte er nach Algier zurück und lehrte an der dortigen Universität und dem ihr angegliederten Institut für Journalismus. Nach Morddrohungen oppositioneller Fundamentalisten emigrierte er 1995 nach Deutschland und lebte für vier Jahre als „Writer in Residence“ und Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Berlin. Nach seiner Rückkehr nach Algier 1999 war er zuerst ohne Beschäftigung, seit 2002 arbeitet er wieder als Dozent an der Universität Algier.
 

 


Heinrich Böll: »Eine deutsche Erinnerung«


 


Stipendiaten der Heinrich-Böll-Stiftung über Heinrich Böll


 
 
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