Keine schwarze Macht

Ar Raqqua, Syrien
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Die von dem IS eroberte Stadt Rakka, aufgenommen im September 2009

Trotz Dschihad-Propaganda - der "Islamische Staat" sei eine rational agierende Bürgerkriegsmiliz, sagt Christoph Reuter. Am Rande der Konferenz "Syrien in der Sackgasse?" hat der Journalist sein neues Buch vorgestellt.

Am Ende kommt es doch noch zum Tumult. "Über die Rolle von Saudi-Arabien, Katar und Israel haben Sie überhaupt nicht gesprochen!", ruft ein Gast aus dem Publikum. "Da geht es um Millionenbeträge!", ruft ein anderer.

Gegen Aussagen dieser Art spricht sich Christoph Reuter aus, als er am vergangen Donnerstagabend in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin sein Buch "Die schwarze Macht" vorstellt. Reuters eigene Einschätzung beruht auf sorgfältiger Recherche. Neunzehnmal ist der Beiruter Spiegel-Korrespondent nach Syrien gereist ist, seit das Regime Baschar al-Assads das Land ins Chaos gestürzt und den Weg für die Dschihadisten erst freigemacht hat. Seit dem überraschenden Mossul-Feldzug im Juni 2014 beherrscht der IS mit seiner brutal-islamistischen Propaganda die Medien. Aber sind die Dschihadisten tatsächlich die irrational agierenden Monster, als die sie so gern dargestellt werden? Köpfen und massakrieren sie um des Mordens willen? Ist der IS wirklich eine "schwarze Macht", wie auch der Buchtitel suggeriert?

Nein, sagt Reuter entschieden. In seinem Buch entzaubert er die Dschihadisten. Sie seien eine weitestgehend rational agierende Bürgerkriegsmiliz. "Rakka ist das perfekte Beispiel, wie sie eine Stadt erobern, wie sie sie zuerst von innen heraus destabilisieren, wie sie die Köpfe der Lokalräte kidnappen und dann bestimmte Rebellengruppen angreifen, während sie mit allen anderen Gruppierungen geheime Abmachungen haben, sich nicht gegenseitig anzugreifen."

Ein dschihadistischer Geheimdienststaat

Wie minutiös die Machtübernahme geplant und strategisch vorbereitet wurde, veranschaulicht Reuter, der Ende 2014 in den Besitz von Dokumenten gelangte, die er für den Masterplan des IS hält, an der Person Haji Bakrs, dem "Strategen des IS". Als ehemaliger Kader der irakischen Baath-Partei und Geheimdienstoberst der Luftabwehr plante er jedes Detail der Machtübernahme theoretisch, bevor die Dschihadisten sie Schritt für Schritt in die Realität umsetzten. "Wir hatten nicht erwartet, dass sie auf einem so industriellen Niveau, mit derselben Vorgehensweise, denselben Schritten (ihren Plan) implementieren", sagt der Autor.

Die noch so kleinsten Dörfer hätten die Dschihadisten nach und nach infiltriert, anfangs unauffällig mit islamischen Missionsbüros, um ein engmaschiges Netz von Spitzeln aufzubauen. Aus einer  Aufgabenliste für die IS-Spione liest Reuter vor: "Zähle die machtvollen Familien auf. Finde ihre Einkunftsquellen heraus. Eruiere ihre illegalen Aktivitäten, mit denen wir sie erpressen können." Auch hätten sich die Islamisten des "Stasi-Kalifats", wie Reuter den dschihadistischen Geheimdienststaat nennt, strategisch in die einflussreichen Familien Nord- und Ostsyriens eingeheiratet, um ihre Macht zu sichern.

Militärisch habe sich die Miliz ebenso wenig auf Gott verlassen, sondern lieber auf ihre nüchtern berechnenden Strategen, die ihre Erfahrung oftmals wie Haji Bakr als Geheimdienstler im Militärregime Saddam Husseins gesammelt hatten. Der Kampf galt nicht in erster Linie denen, die in den Augen der Dschihadisten Ungläubige waren. Stattdessen wechselte der IS munter seine Allianzen, agierte flexibel und opportunistisch, alles mit dem Ziel, das eigene Herrschaftsgebiet auszuweiten. Mal kämpfte er gegen die Rebellen, dann gegen andere Islamisten und später auch gegen die Truppen des Regimes, das den IS lange Zeit aktiv gefördert hatte, um vom eigenen Terror abzulenken, wie Reuter in "Die schwarze Macht" nachweist.

"Sie pressen die eigene Bevölkerung aus"

Auf die Frage der Finanzierung geht Reuter schließlich auch noch ein. Schon vor 2011 sei Daish, wie die Miliz auf Arabisch genannt wird, die "Mafia von Mossul" gewesen. Ob Makler, Bestatter oder Apotheker, jeder musste Schutzgeld zahlen, erklärt der Autor. Damit habe die Gruppe zwölf Millionen Dollar monatlich eingenommen. Heute hätten die Milizionäre fünf bis acht Millionen Menschen unter ihrer Kontrolle. "Sie pressen die eigene Bevölkerung aus", sagt Reuter, durch die Beschlagnahmung von Eigentum etwa oder das Eintreiben von Steuern. Hinzu käme das Geschäft mit dem Öl: Das Regime Baschar al-Assads sei der kaufkräftigste Abnehmer, aber auch die Rebellen, die gegen den IS kämpften, bezögen Öl von den Dschihadisten. "Daish", sagt Reuter, "verkauft Öl an alle."

Und Saudi-Arabien und Katar? Es gebe reiche Privatpersonen, die Daish unterstützten, das stehe außer Frage. Viele von ihnen reisten nach Kuwait, weil Transaktionen von dort aus einfacher zu tätigen seien. Auch gebe es zwischen Saudi-Arabien und dem IS ideologisch betrachtet einige Ähnlichkeiten. "Aber das heißt nicht, dass die Regierung Daish unterstützt", ist Reuter überzeugt. Es gebe schlicht keine Beweise, dass Saudi-Arabien, Katar oder irgendein anderer Staat die Dschihadisten finanziere.

 

Video-Mitschnitt der Buchvorstellung

 

Die schwarze Macht - Der "Islamische Staat" und die Strategen des Terrors - Heinrich-Böll-Stiftung

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Christoph Reuter stellte sein Buch auf der Konferenz „Syrien in der Sackgasse? Vier Jahre nach Beginn des Aufstandes – Ansätze und Perspektiven für eine politische Lösung des Konflikts“, die am 28. Mai 2015 in der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand, vor. Hier der Mitschnitt der Lesung und anschließenden Diskussion - weitere Videos finden Sie in unserer Youtube-Playlist zur Konferenz.