„Es gibt keinen Neuaufbau hier“

„Es gibt keinen Neuaufbau hier“

Gershom Scholem, der jüdische Historiker und Religionsphilosoph, war bereits 1923 von Berlin nach Palästina ausgewandert. Urheber/in: Unknown. Public Domain.

Zehntausende deutsch-jüdische Flüchtlinge kamen ab 1933 in Palästina an. Der Journalist Klaus Hillenbrand gibt in seinem Buch "Fremde im neuen Land" Einblicke in die Welt der „Jeckes“ im jungen Israel.

In seinen Erinnerungen widmet sich der bedeutendste israelische Schriftsteller der Gegenwart, Amos Oz, ausführlich seinem Großonkel Joseph Klausner. Klausner ist aus Odessa nach Palästina eingewandert und gehörte zu den Gründungsvätern des Zionismus. Ein Gegenstand von dessen Tischreden, die für den jungen Amos in den 30er Jahren prägend wurden, war Brit Shalom, ein Zusammenschluss von zumeist aus Mitteleuropa stammenden jüdischen Intellektuellen und stand für die Aussöhnung der jüdischen Einwanderer/innen mit den arabischen Bewohner/innen Palästinas.

Zu Brit Shalom gehörte u. a. Gershon Sholem, zeitweise auch aus der Ferne Hannah Arendt und der Jurist Georg Landauer. Landauer, der sich bereits vor seiner Ankunft in Palästina als Zionist verstand und für die zionistische Sache warb, war gegen die Errichtung eines jüdischen Staates. Er befürchtete, dass so der humanistische Kern des Judentums verloren ginge und ein Krieg mit den Nachbarn unvermeidlich sei.

In den Augen Klausners waren die Leute von Brit Shalom realitätsferne Träumer, denen es an Machtbewusstsein, strategischem Denken und an zionistischer Überzeugung fehlte.

Ab 1948 war die Position von Brit Shalom unhaltbar geworden: Die Euphorie über die Gründung eines jüdischen Staates, die einem neuen Nationalgefühl Bahn brach, isolierte die Jeckes, die deutschstämmigen Einwanderer.

Um diese Minderheit geht es in dem Buch "Fremde im neuen Land". Ihre Organisation, die „Irgun Olej Merkas Europa“, die Organisation der aus Mitteleuropa Eingewanderten, gab das „Mitteilungsblatt“ (MB) heraus. Dieser Bestand ist erhalten und dient als Quelle, auf die sich Klaus Hillenbrand, Redakteur bei der „tageszeitung“ stützt.

Verstörte Perspektive

Der Autor hat 22 dieser Berichte erstmals ediert und mit zeitgeschichtlichen Erläuterungen versehen. So ist ein Kompendium entstanden, das im ersten Drittel einen Einblick gibt in das Schicksal und das Denken der Jeckes in Palästina und in dem zweiten, weitaus ausführlicheren Teil das zerstörte Deutschland in den Mittelpunkt stellt. Die hier vertretenen Autoren stammten allesamt aus dem deutschen bzw. deutschsprachigen Bürgertum. Ihre Auswanderung nach Palästina war in vielen Fällen nicht freiwillig, auch wenn sie sich, wie Landauer oder auch Robert Weltsch, dem Herausgeber des Mitteilungsblatts und späteren Korrespondenten der linken Tageszeitung Haaretz bei den Nürnberger Prozessen, als Zionisten verstanden. Das unterschied sie von anderen Einwanderungsgruppen.

Hillenbrand betont in seiner Einleitung die besondere Stellung der in der Weimarer Republik sozialisierten Wissenschaftler, Schriftsteller und Journalisten. Sie blickten als Verfolgte und Vertriebene, als ehemalige Deutsche auf ihr Ursprungsland. Dennoch konnte die Distanz zu den besiegten Deutschen nicht größer sein.

Einige hatten sich bereits am Krieg gegen Nazideutschland beteiligt, indem sie in der in der britischen Armee eingegliederten Jüdischen Brigade kämpften und mit den alliierten Truppen die Grenze zu Deutschland überquerten. Ihre Berichte zeugen von einer Rückkehr in bekanntes Territorium. Dennoch sind ihre Zeugnisse verstörend, nicht weil sie unseren Blick auf die unmittelbare Nachkriegszeit völlig verändern würden; vieles von dem, was sie berichten, ist bekannt. Aber die Perspektive der jüdischen Emissäre in verstört. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf die Überlebenden. Nicht die Mehrheit der Deutschen mit ihren Überlebenserzählungen, mit ihren Lebenslügen und ihrem Misstrauen gegenüber den Alliierten steht im Mittelpunkt.

Das Interesse dieser jüdischen Intellektuellen richtet sich auf die jüdischen Überlebenden, auf die aus der Hölle des Ostens gekommenen „Displaced Persons“ (DP), die in den Lagern an den Rändern der deutschen Städte von den Alliierten unterstützt und am Leben erhalten werden. Ihr Interesse gilt den Relikten der jüdischen Religion, den zerstörten Synagogen, den geschändeten Sakralgegenständen und der zentralen Frage, ob ein Judentum in Deutschland wieder möglich ist.

Die Trauer über den Untergang des deutschen Judentums ist allen Berichterstattern gemeinsam. Sie machen, wie Max Kreutzberger, der in der jüdischen Sozialfürsorge tätig war, genaue Bestandsaufnahmen der jüdischen Gemeinden in Deutschland.

Verschüttete Traditionen

Kreutzberger ist der einzige Autor, der in seinem 1949 verfassten Bericht die Möglichkeit der Weiterexistenz eines Judentums in Deutschland in Betracht zieht. Er beschreibt die Zwiespältigkeit der in den Westzonen angekommenen Überlebenden, die allmählich beginnen, sich in ihrer neuen Existenz einzurichten. Er stellt die Frage, die das deutsch-israelische Verhältnis in den 50er Jahren konturieren wird: Wie ist es möglich, als Jude in Deutschland zu leben?

„Das Weltjudentum wird sich mit der Tatsache abfinden müssen, dass wenige Zehntausende Juden die Absicht und den Willen haben, in Deutschland zu leben und als Juden zu leben. Es wird ein kompliziertes und problematisches Dasein sein, beladen mit all den Erinnerungen, die nicht so bald schwinden können, und all den Spannungsmomenten, die sich aus der Vergangenheit ergeben.“ (S. 290)

Gershom Scholem, der jüdische Historiker und Religionsphilosoph, der bereits 1923 von Berlin nach Palästina ausgewandert war, beschreibt in seinem Bericht die „kulturelle Öde“ des überlebenden Judentums. Scholem bemerkt: "Es gibt keinen Neuaufbau hier". Er beklagt die zerstörten Bibliotheken und ist als überzeugter Zionist skeptisch über die Obstruktionspolitik der Alliierten gegenüber den Ausreisewilligen nach Palästina.

Besonders die Briten als Mandatsmacht in Palästina versuchten, die Einwanderung nach wie vor zu begrenzen. Gleichzeitig fürchtet er, dass die Motive und Vorstellungen der Überlebenden, in Palästina eine neue Heimat als Erfüllung des jüdischen Traums von Erez Israel zu finden, illusionär sind. Zu primitiv und ungewiss ist die Existenz dort noch vor dem Hintergrund der Kämpfe um die Errichtung eines Staates. Und auch er sieht die Menschen aus den DP-Lagern fliehen und konstatiert ihre Versuche, ein Leben in der deutschen Nachkriegsgesellschaft aufzubauen.

Klaus Hillenbrands Buch würdigt eine Gruppe, die in Israel ein Außenseiterdasein führte und die den Untergang ihrer eigenen Kultur in Deutschland nur noch feststellen konnte. Die Beiträge des "Mitteilungsblatts" verweisen auf die verschütteten Traditionen in beiden Ländern. Sie sind ein einmaliges Zeitdokument für den Beginn einer singulären Annäherung zweier Entitäten: das sich allmählich zu einer Demokratie entwickelnde Nachkriegsdeutschland und der junge Staat Israel. Ihr Verhältnis ist bis heute geprägt durch Misstrauen, Missverständnisse und gegenseitige Faszination. Die Anfänge werden hier beleuchtet. Die sorgfältig ausgewählten Berichte und die zeitgeschichtlichen Erläuterungen machen das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis für alle, die ein tieferes Verständnis für deutsch-israelische Geschichte erhalten wollen.

Klaus Hillenbrand, Fremde im neuen Land. Deutsche Juden in Palästina und ihr Blick auf Deutschland nach 1945, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2015. 415 S.

 

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