Meine Frau arbeitet sieben Tage die Woche

Meine Frau arbeitet sieben Tage die Woche

Familie"Mein Beitrag zur Familienarbeit fällt im Vergleich zu dem meiner Frau eindeutig zu gering aus". Urheber/in: Rusty Sheriff. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Nichts gegen Grüne Zeitpolitik, aber wer den Alltag mit Kindern einigermaßen meistern will, muss erst mal wissen, was er vom Leben wirklich will: als Ich, als Paar, als Familie. Ein Beitrag von Peter Unfried aus dem aktuellen Böll.Thema "Sehnsucht nach Zeit".

Der größte Fehler meines Familienlebens unterlief mir, als ich einmal in einem Gespräch sagte: "Meine Frau arbeitet drei Tage in der Woche." Fail, wie mein Sohn zu sagen pflegt. Ich hatte sie damit tief getroffen. Sie dachte, dass ich sage, dass sie nur drei Tage die Woche arbeitet und sonst durchhängt. Und genau das sagte ich auch, denn ich hatte das Wording des uralten Denkens übernommen: Erwerbsarbeit rules, der Rest ist Pipifax. Was ich hätte sagen sollen: dass sie eine 0,6-Erwerbsarbeitsstelle hat, um die restliche Zeit des Tages und der Woche in der Familie und im sozialen Umfeld arbeiten zu können.

Als die beiden Kinder im Abstand von zwei Jahren gekommen waren, hatten wir die Gesamtkonstellation so ausgetüftelt, dass ich auf meiner vollen Stelle bleiben konnte (es gab aus meiner Sicht selbstverständlich Gründe) und sie das nötige zweite Gehalt beisteuerte und den größten Teil der Kinder- und Haushaltsarbeit übernahm (sie akzeptierte meine Gründe).

"Du hast uns immer erst um halb fünf aus der Kita abgeholt." Das wird mir heute noch regelmäßig von den Kindern vorgeworfen, das "Duuuu" soll den Kontrast herausarbeiten zu ihrer Mutter, die selbstverständlich Punkt 15 Uhr auf der Matte stand. Sie viermal die Woche, ich einmal.

Sie war immer da und hatte immer das Gefühl, zu wenig Zeit für die Kinder zu haben. Ich hatte immer noch was Superwichtiges im Büro zu tun, das prioritär erledigt werden musste, weil sonst die Welt unterging (beziehungsweise ihr Untergang nicht in unserer Zeitung am besten berichtet wurde).

Unangenehm, aber wahr: Die Reputation sinkt

Schleswig-Holsteins grüner Energiewendeminister Robert Habeck hat dankenswerterweise in seinem Klassiker "Verwirrte Väter" herausgearbeitet, dass der Mann, der nach Geburt der Kinder länger als vorher im Büro arbeitet, nicht vor der Familienarbeit flüchtet, sondern den gestiegenen Druck spürt, seiner Ernährerrolle gerecht zu werden. Dass auch Väter Opfer der gesellschaftlichen Umstände sind.

Das ist die eine Wahrheit. Die zweite, unangenehme Wahrheit: Selbst wenn er nicht in einem Unternehmen zur Vollzeit verdammt ist, subtil oder offen an familienorientierten Arbeitszeiten gehindert wird; die Reputation des Mannes sinkt auch in anscheinend progressiven Milieus und Firmen durch Übernahme von Familienarbeit und damit verbundenem Rückgang der ökonomischen Potenz. Auch bei Frauen. Und zwar beruflich und erotisch. Der Mann soll etwas Neues machen, das ihm aber im Hier und Jetzt keine Gratifikation einbringt. Manchmal nicht mal bei der eigenen Frau, die sich auch in widersprüchlichen Bedürfnissen verhakt. Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass Frauen gezielt "Hausmänner" klarmachen. Wann und wo denn auch? Oder leitende (kinderlose) Frauen es gut finden, wenn subalterne Arbeitsdrohnen und -bienen um 15 Uhr in die Kita verschwinden.

Die dritte Wahrheit des Vaters ist Ulrich Becks Satz von der "verbalen Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltenstarre". Viele Väter sagen, dass sie sich viel mehr einbringen wollten, nur ließe sie ihr Arbeitgeber ja leider nicht.
Das heißt noch lange nicht, dass sie es tatsächlich tun, wenn sie können.

Ich bin nicht repräsentativ, schon weil mein Arbeitgeber eine Unternehmenskultur pflegt, in der die einjährige Elternzeit von Männern obligatorisch ist und verschiedene Teilzeitmodelle möglich sind. Trotz dieser Infrastruktur fällt mein Beitrag zur Familienarbeit im Vergleich zu dem meiner Frau eindeutig zu gering aus. Warum? So wie jeder wohlfeil ökologisch reden kann oder "links" und damit durchkommt, wenn er nicht gerade SUV fährt, so kann man als mikroengagierter, aber grundsätzlich aufgeschlossen redender Vater auch schnell mal ein Jahrzehnt überstehen. Kurzum: Männer spüren den Druck des Ernährers, Männer leiden darunter, wenn sie zu wenig Zeit für ihre Kinder haben, und gleichzeitig drücken sie sich. Der eine mehr, der andere noch mehr. Der dritte gar nicht. Solche kenne ich auch.

Wir brauchen mehr Betreuung

Was tun? Der eine klassische Reflex ist, den moralischen Wertewandel einzufordern. Der andere Reflex ist, ihn kollektiv organisieren zu wollen. Der Staat wird tatsächlich Erwerbsarbeit anders verteilen müssen als bisher. Gerechter. Gleichmäßiger. Weniger Erwerbsarbeit auf mehr Menschen. Weniger in der Rushhour des Lebens zwischen 30 und 40. Mehr ab 63; statt Rente. Dadurch, dass es geschieht, wird es irgendwann eine kulturelle Selbstverständlichkeit werden. Aber weil vieles umgewälzt wird, wird der Staat auch selbständiges innovatives Unternehmertum anders fördern müssen als bisher. Und sich auf komplizierte Arbeitsbiografien einstellen. Das heißt vor allem: flexible und bezahlbare Betreuung, von der Krippe an.

Aus meiner Sicht wird alles helfen, das den Fokus - und die Geldtransfers - von der Erwerbsarbeit zu den Kindern verschiebt. Besonders, wenn man wenig Geld hat. Kindergrundeinkommen, etwa. Statt Zeit ist Geld lautet das neue Motto: Geld ist Zeit. Die Politik muss es hinkriegen, dass das nicht nur den Solventen neue Lebensqualität eröffnet.

Die neue Familie wird aber – allen hehren Ansprüchen zum Trotz – nicht flächendeckend organisierbar sein. Mit einer besseren Politik kann es mehr Paaren gelingen, das harte erste Jahrzehnt gut zu überstehen, aber letztlich wird man es trotzdem selbst hinkriegen müssen. Ich sehe im Bekanntenkreis, wie Paare mit kleinen Kindern leiden. Miteinander, aneinander. Wenn man sie fragt, was die Politik machen muss, damit es besser läuft, dann wissen sie es auch nicht.
Elterngeld? Hm, ja.
Zeitkonto, um jetzt weniger und später mehr zu arbeiten? Das wäre schon gut.

Aber sie schauen dabei, als spielten sie ein kompliziertes Puzzle, bei dem das nur wenige Teile von unüberschaubar vielen sind. Die Wirklichkeit ist einfach zu kompliziert und von jedem Punkt der Betrachtung aus – Frau, Mann, Politik, Arbeitgeber – zu unterschiedlich, als dass man sie mit den alten Lösungshebeln Gerechtigkeit und Gleichberechtigung in den Griff bekommen könnte. Weil Dinge entscheidend sind, die einem Politik und Staat nicht abnehmen können und auch nicht dürfen.
Liebe. Antwort auf die Frage, was man vom Leben wirklich will.
Mehr Geld, mehr Welt, mehr Glück?
Mehr Zeit, weniger Welt, mehr Glück?

Die Gegenwart macht viele kirre.

Das muss man selbst wissen, wenn man ein autonomes, gelingendes Leben führen will. Genauer gesagt: Man muss über die Kompetenzen oder das Glück verfügen, es in dem Prozess des Lebens herauszufinden und sich zu holen. Wozu und wie viel Kinder? Wozu und wie viel Beruf? Will ich mich zudem engagieren oder lieber gemütlich mit allem hadern? Mit welchen Verpflichtungen fühle ich mich am freiesten?

Die Gegenwart macht viele kirre. Sie haben den Eindruck, alles müsste gehen und sie müssten alles hinkriegen. Das ist falsch. Zwei Karrieren plus zweimal zeitaufwendiges intensives Familienleben, das geht mit der idealsten Politik nicht. Es gibt mehr Möglichkeiten als in den Generationen zuvor, aber man muss sich für etwas entscheiden – und gegen etwas. Als Ich, als Paar, als Familie. Damit sind die infrastrukturellen Probleme nicht gelöst, aber man kann innerhalb der Begrenzungen selbstbestimmter handeln. Wenn beide ihre eigenen Spielräume voll nutzen – auch der Mann –, ist viel gewonnen.

Die entscheidende Frage ist: Will ich mit dieser Frau aufwachen und einschlafen, und ist es trotz der ganzen Scheiße lebenswichtig, dass sie mich anlacht? Was kann ich tun, damit sie das tut? Wie machen wir uns gegenseitig stärker? Wer sich diese Fragen nicht mehr stellt, dem hilft auch keine Politik.

Wir haben inzwischen ein sehr ordentliches Verhältnis von Arbeit und Zeit für die Kinder. Sie 0,8 Festanstellung, ich 0,8 Festanstellung.

Beide haben genügend Zeit für die Kinder. Das Problem ist nur: Diese Kinder, 14 und 16, haben keine Zeit mehr für uns. Schule aus, Zimmertür auf, Zimmertür zu. Das war's. Wohnungstür auf. Wo gehst du hin? Tschühüss. Und mal zusammen was unternehmen? Kino oder so? "Schaut ihr mal schön 'Musikantenstadl'." Und weg sind sie. Die sind in der Rushhour des Teenager-Lebens und lassen die alten Eltern einsam auf dem Sofa zurück. So geht das doch nicht. Da müssen die Grünen dringend auch was machen.

Dieser Text ist in der aktuellen Ausgabe von Böll.Thema "Sehnsucht nach Zeit" erschienen. Weitere Beiträge und die Publikation zum Herunterladen finden Sie hier.

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