Glossar: Die wichtigsten Begriffe zur Neuen Ökonomie der Natur

Glossar: Die wichtigsten Begriffe zur Neuen Ökonomie der Natur

Sie wissen nicht, was manche Begriffe bedeuten, die auf dieser Seite aufgetaucht sind? Wir erklären die Fachbegriffe zum Thema "Neue Ökonomie der Natur".

Neue Ökonomie der Natur: GlossarUrheber/in: Jelena Nikolic. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Biodiversitäts-Offset (Biodiversitätsgutschrift)

Biodiversitätsgutschriften sind Verrechnungseinheiten, mit denen Verursacher von Eingriffen in (geschützte) natürliche Lebensräume den Ausgleich des verursachten Schadens nachweisen können (vgl. auch: Was sind Kompensationsgutschriften und warum sind sie so umstritten?)

Straßenbau, Bergbau, die Anlage von neuen Industriegebieten, Staudämmen und Windparks sind nur einige Beispiele für Eingriffe in die Natur, die natürliche Lebensräume zerstören. Naturschutzgesetze fordern vom Verursacher solcher Eingriffe i.d.R. vermeidbare Beeinträchtigungen zu unterlassen und nicht vermeidbare Zerstörung nachweislich zu minimieren. Gemäß der sogenannten Hierarchie von Vermeidung, Minimierung und Kompensation dürfen Zerstörungen nur dann an einem anderen Ort kompensiert werden, wenn sie nicht vermieden oder minimiert werden können. Der Ausgleich der Zerstörung durch Kompensation an einem anderen Ort steht somit am Ende der Vermeidungs- und Minimierungshierarchie (im Englischen: migration hierarchy) – zumindest theoretisch. In der Praxis drängt die Kompensation durch Ausgleichszahlungen oder Biodiversitätsgutschriften jedoch zunehmend an den Anfang der Hierarchiekette und rechtfertigt immer öfter die Zerstörung von gesetzlich geschützten Lebensräumen, ohne dass Vermeidung und Minimierung ernsthaft in Erwägung gezogen wurden.

In den 1970er Jahre wurden in den USA erstmals sogenannte Biodiversitäts-Offsets (Biodiversitätsgutschriften) eingesetzt, um die Trockenlegung von gesetzlich geschützten Feuchtgebieten zu ermöglichen. Über 40 Länder haben seitdem Umweltgesetze eingeführt, welche die Zerstörung von gesetzlich geschützten Lebensräumen oder die Überschreitung von Obergrenzen bei Verschmutzungen erlauben, wenn die Kompensation der Verschumtzung oder Zerstörung durch Vorlage einer Kompensationsgutschrift nachgeweisen wird. Während Unternehmen in der Anfangszeit die Kompensationen häufig noch selbst erbrachten, wird heute mit Biodiversitätsgutschriften gehandelt. Mehr als 400 sogenannte Biodiversitätsbanken und private Unternehmen bieten derzeit Biodiversitätsgutschriften oder „Ökopunkte“ für unterschiedliche Lebensräume und Artenkombinationen an.

Kritiker/innen des Handels mit Biodiversitätsgutschriften verweisen darauf, dass die Zerstörung sofort eintritt, während der (Miss-)Erfolg der Kompensationsmaßnahme meist erst Jahre, oft Jahrzehnte, später zu beurteilen ist. Sie betonen, dass Natur an jedem Ort einzigartig ist, der Handel mit Biodiversitätsgutschriften jedoch auf der Annahme beruht, dass sich ein Lebensraum oder Ökosystem auf austauschbare Einheiten reduzieren lasse. Vielfach werden auch methodische Mängel kritisiert, z. B. wenn die Zerstörung artenreicher Lebensräume durch die Renaturierung größerer, aber weniger artenreicher Flächen ausgeglichen wird. Befürworter/innen argumentieren, dass es ohne die Biodiversitätskompensation gar keinen Ausgleich für Zerstörung gäbe. In der englischsprachigen Literatur werden handelbare Biodiversitätsgutschriften auch als "biodiversity offset" oder "biodiversity credit" bezeichnet.

 

Emissionshandel

Beim Emissionshandel werden Rechte gehandelt, die es erlauben, umweltschädigende Substanzen auszustoßen, deren Freisetzung gesetzlich begrenzt ist. Das bekannteste Beispiel ist der Handel mit Emissionsrechten für Treibhausgase, den das Kyoto-Protokoll 1997 international einführte. Es ist das erste Klimaabkommen der Vereinten Nationen, das eine völkerrechtlich verbindliche Obergrenze für Emissionen in Industrieländern festlegt. Seit Januar 2005 reguliert die Europäische Union (EU) die Treibhausgasemissionen von über 11.000 Industrieanlagen in den Mitgliedsstaaten über ein eigenes Emissionshandelssystem, den EU-Emissionshandel.

Emissionshandel wird oft als marktwirtschaftliche Regulierung von Treibhausgasemissionen beschrieben, da der Gesetzgeber lediglich eine (nationale) Obergrenze für Verschmutzungen festsetzt, den Unternehmen aber nicht vorgibt, wie sie den Grenzwert einhalten sollen. Unternehmen können für ihre Anlagen für einen mehrjährigen Zeitraum sogenannte Emissionszertifikate erwerben (oder erhalten diese sogar unentgeltlich), für die eine gesetzlich festgelegte Emissionsobergrenze gilt. Wenn die Emissionen einer Anlage die Anzahl der zugeteilten Emissionszertifikate übersteigen, kann der Anlagenbetreiber Emissionen entweder durch den Einsatz neuer Technologien oder eine Verminderung der Produktion reduzieren oder zusätzliche Verschmutzungsrechte von anderen Unternehmen oder an Börsen erwerben. Wenn die Emissionen der Anlage niedriger ausfallen, können die nicht genutzten Emissionszertifikate verkauft werden. Bis 2020 erlaubt der EU-Emissionshandel Firmen, anstelle von Emissionszertifikaten auch Emissionsgutschriften (siehe auch Kompensationsgutschriften) zum Ausgleich ihrer Emissionen zu nutzen.

Kritisiert wird unter anderem, dass die bestehenden Systeme vor allem in der Anfangszeit Emissionszertifikate unentgeltlich an Firmen vergeben haben. Da die Zertifikate handelbar sind, haben Konzerne Vermögenswerte erhalten, ohne für diese gezahlt zu haben – und je höher ihre Emissionen waren, desto mehr Zertifikate erhielten sie gratis. Darüber hinaus weisen alle bestehenden Emissionshandelssysteme, die sich auf den Ausstoß von Treibhausgasen beziehen, einen hohen Überschuss an Verschmutzungsrechten auf, sodass die Preise für Verschmutzungsrechte keinen Anreiz liefern, Emissionen zu vermeiden.

Im englischsprachigen Raum werden Emissionszertifikate oft als "emission permits" oder "emission allowances" bezeichnet, während Emissionsgutschriften als "emission credits" oder c"arbon offsets" bezeichnet werden.

 

Emissionszertifikat

Ein Emissionszertifikat erlaubt den Ausstoß von einer Tonne Kohlendioxid (CO2) oder einer äquivalenten Menge eines anderen Treibhausgases. Die Anzahl der Emissionszertifikate in einem Emissionshandelssystem entspricht einer gesetzlich festgesetzten Emissionsobergrenze, die für einen festgelegten Zeitraum gilt. Die Emissionszertifikate werden zu Beginn eines Verpflichtungszeitraums von den Genehmigungsbehörden an die teilnehmenden Unternehmen am Emissionshandelssystem verteilt. Zu festgesetzten Terminen müssen diese nachweisen, dass sie für jede Tonne Treibhausgas, die von ihrer Anlage freigesetzt wurde, ein Emissionszertifikat besitzen.

Die Maßeinheit des Emissionszertifikats ist Kohlendioxid, CO2, bzw. ein CO2-Äquivalent. Mit dem CO2-Äquivalent wurde auf internationaler Ebene ein Maß festgelegt, mit dem der relative Beitrag verschiedener Treibhausgase zur globalen Erwärmung verglichen werden kann. Dafür wurde die mittlere Erwärmungswirkung der Gase über 100 Jahre als Referenz herangezogen, d. h. für die Freisetzung einer Tonne Methan müssen 21 Emissionszertifikate eingereicht werden, da die klimaschädigende Wirkung von Methan über einen Zeitraum von 100 Jahren als 21-mal höher eingestuft wird als die von Kohlendioxid. Die durchschnittliche Verweildauer von Methan in der Atmosphäre beträgt jedoch nur zirka zwölf Jahre, in denen das Gas allerdings 25-mal so klimawirksam ist wie Kohlendioxid. Die Wahl eines anderen Referenzzeitraums hätte einen anderen CO2-Äquivalenzwert ergeben, bei 20 statt 100 Jahren würden rechnerisch z. B. 84 Emissionszertifikate für den Ausgleich einer Tonne Methan benötigt.

In der deutschsprachigen Literatur wird der Begriff Zertifikat häufig sowohl für Emissionszertifikate als auch für Emissionsgutschriften verwendet. Emissionsgutschriften gehen allerdings auf Projekte in Sektoren oder Ländern zurück, deren Emissionen nicht gesetzlich begrenzt sind und Emissionen über die gesetzlich festgesetzte Obergrenze hinaus erlauben. Bescheinigt ein Zertifizierungsunternehmen, dass die vermiedenen Emissionen ohne das Projekt freigesetzt worden wären, erhält der Projektbetreiber Gutschriften, die diese nachweisliche Vermeidung andernfalls freigesetzter Treibhausgasemissionen belegen. Diese Gutschriften sind handelbar.

Im englischsprachigen Raum sind die Begriffe "emission permit" oder "allowance" gebräuchlich für Emissionszertifikat; Emissionsgutschriften werden als "offset" oder "carbon credit" bezeichnet.

Siehe auch Emissionshandel.

 

Finanzialisierung von Natur

Finanzialisierung von Natur bezeichnet Initiativen, die ökosystemare Funktionen für Kapitalmärkte und politische Entscheidungsträger/innen sichtbar machen. Zu solchen Ökosystemfunktionen zählen Wasserfiltration, Kohlenstoffspeicherung oder Erosionsschutz – Funktionen, die natürliche Lebensräume ohne menschliches Dazutun erfüllen. Im Zuge ihrer Finanzialisierung werden sie in die Sprache der Finanzmärkte übersetzt, d. h. Natur wird zu Naturkapital, Kohlenstoffspeicherung von Mooren oder Wäldern wird zur Ökosystem(dienst)leistung usw. Darüber hinaus werden neue Maßeinheiten geschaffen, die eine Quantifizierung dieser Ökosystemleistungen zulassen, z. B. durch die Bestimmung der Tonnen Kohlenstoff, die in einem Wald gespeichert sind.

Diese Festlegung messbarer Einheiten schafft die Basis für eine Kommodifizierung von Natur und natürlichen Prozessen: Ökosystemleistungen werden mengenmäßig bestimmt, wodurch ihre Qualität an unterschiedlichen Standorten gemessen und verglichen werden kann. Quantifizierbar gemachte Bestandteile und Funktionen von Natur, die bisher frei verfügbar und nicht käuflich waren, erhalten einen Geldwert. Ökosystemare Funktionen natürlicher Lebensräume werden zu Produkten, denen ein Preis zugewiesen wird oder deren Preis durch den Handel, z. B. als Emissions- oder Biodiversitätsgutschrift, ermittelt werden kann.

Um solche neu geschaffenen Produkte aus Funktionen natürlicher Lebensräume handeln zu können, müssen zudem Eigentums- oder Nutzungsrechte zugewiesen werden. Dadurch werden neue Vermögenswerte geschaffen, aus denen Finanzakteure wiederum neue Finanzprodukte entwickeln, z. B. Derivate auf Emissionszertifikate oder Renaturierungsgutschriften, deren Besitz eine Zerstörung gesetzlich geschützter Feuchtgebiete oder Wälder erlaubt.

Zuweilen wird nur dieser letzte Teilprozess als Finanzialisierung von Natur bezeichnet, während die Schaffung von neuen Maßeinheiten und deren Kommodifizierung als Monetarisierung und Inwertsetzung bezeichnet werden. Fasst man den Begriff der Finanzialisierung jedoch weiter, beschreiben Monetarisierung und Inwertsetzung nur bestimmte Aspekte innerhalb des Prozesses der Finanzialisierung.

Der Begriff Neue Ökonomie der Natur wird häufig synonym mit dem Begriff "Finanzialisierung von Natur" verwendet.

 

Internalisierung externer (Umwelt-)Kosten

Die Maxime der Internalisierung externer (Umwelt-)Kosten ist es, Wirtschaftskreisläufe so zu gestalten, dass der Preis einer Ware oder Dienstleistung scheinbar die ökologische Wahrheit sagt.

Als externe (Umwelt-)Kosten werden dabei die Auswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten auf unbeteiligte Dritte beziehungsweise auf natürliche Lebensräume und biologische Vielfalt zusammengefasst, die sich nicht im Preis einer Ware oder Dienstleistung niederschlagen. Dies bedeutet, dass für den Verursacher von Zerstörung oder Verschmutzung bzw. für die (Über-)Nutzung von natürlichen Ressourcen oder ökosystemaren Funktionen und den daraus resultierenden Folgen keine Kosten anfallen. Der Preis des Produkts, für dessen Herstellung Natur zerstört oder verschmutzt wird oder ökosystemare Funktionen übernutzt werden, sagt also nicht die ökologische Wahrheit.

Die Kritik am Ansatz der Internalisierung externer Kosten setzt daran an, dass sie Quantifizierung und Messbarkeit voraussetzt. Nicht quantifizierbare Schäden bleiben somit weiterhin unberücksichtigt, obwohl der Begriff eine Berücksichtigung der Gesamtheit der externen (Umwelt-)Kosten suggeriert. Zudem generiert jede Internalisierung zugleich neue Externalitäten, da es nicht möglich ist, die Komplexität der Wechselwirkungen vollständig abzubilden.

 

Inwertsetzung von Natur

Siehe Ökonomische Bewertung von Natur.

 

Klimaneutral / CO2-neutral

Wenn ein Produkt oder eine Tätigkeit als klimaneutral oder CO2-neutral bezeichnet werden, wurden die durch die Herstellung des Produkts oder die Ausführung der Tätigkeit verursachten Treibhausgasemissionen durch den Kauf von Emissionsgutschriften oder den Nachweis der Einsparung von Emissionen, die andernfalls freigesetzt worden wären, kompensiert.

Die Kompensation beinhaltet zwei Berechnungen: Die Menge an Treibhausgasemissionen, die Produkt oder Tätigkeit verursachen, ergibt die Menge an Emissionsgutschriften, die zur Kompensation notwendig sind. Außerdem muss nachgewiesen werden, dass die andernorts im Rahmen eines Klimaprojekts eingesparten Emissionen ohne das Projekt freigesetzt worden wären – also dass die Minderung nicht nur eine bereits geplante Reduzierung darstellt, sondern zusätzlich Emissionen eingespart werden.

Der Nachweis der Zusätzlichkeit einer Emissionsminderung ist ein zentraler Kritikpunkt am Handel mit Emissionsgutschriften: Er verlangt, dass der Betreiber eines Klimaprojekts bestimmt, wie hoch die Emissionen ohne das Klimaprojekt gewesen wären. Diese Bestimmung hypothetischer Emissionen in der Zukunft ist die Grundlage für die Errechnung der Emissionsminderung, die dann als Emissionsgutschrift gehandelt wird, und es ermöglicht, Produkte als „klimaneutral“ zu bezeichnen, obwohl ihre Herstellung die Freisetzung von Treibhausgasen verursacht.

 

Kompensationsgutschrift

Eine Kompensationsgutschrift legalisiert die Überschreitung eines gesetzlichen Grenzwerts für Verschmutzung oder Zerstörung von Natur. Sie erlaubt es Unternehmen, Produkte als naturverträglich zu vermarkten, obwohl ihre Herstellung Natur zerstört oder Verschmutzung verursacht – solange der Nachweis erbracht wird, dass andernorts Naturzerstörung verhindert oder Verschmutzung vermieden wurde. Wichtig ist hierbei der Nachweis, dass Verschmutzung oder Zerstörung ohne das Kompensationsprojekt stattgefunden hätte. Kompensationsgutschriften sind somit bestenfalls ein Nullsummenspiel: Zerstörung oder Verschmutzung an einem Ort wird durch Vermeidung von anderswo (angeblich) geplanter Naturzerstörung oder Verschmutzung ausgeglichen.

Emissionsgutschriften sind die derzeit am weitesten verbreitete Form von Kompensationsgutschriften. Bei der Finanzierung und Bewilligung von neuen Bergbau- und Infrastrukturprojekten, die natürliche, oft gesetzlich geschützte Lebensräume zerstören, spielen Biodiversitätsgutschriften zunehmend eine Rolle. Das Waldgesetz Brasiliens von 2012 ermöglicht es Landbesitzern, illegal gerodete Flächen, für die das Waldgesetz eine Renaturierung innerhalb von fünf Jahren vorschreibt, weiterhin für Rinderzucht oder Sojaanbau zu nutzen und die Renaturierungsverpflichtung durch den Kauf einer Wiederbewaldungsgutschrift zu erfüllen. Gehandelt werden solche Gutschriften u.a. an der eigens für solche Transaktionen geschaffenen privaten „Grünen Börse“ in Rio de Janeiro. Nahrungsmittelkonzerne werben seit einigen Jahren mit vermeintlich entwaldungsfreien Palmöl- oder Sojaprodukten. Die Entwaldung wird bei der Produktion dieser Produkte aber nicht notwendigerweise vermieden, sondern durch den Kauf von Kompensationsgutschriften ausgeglichen (siehe auch Netto-Null-Emissionen).

Alle Varianten von Kompensationsprojekten eint das Dilemma, Gutschriften zu vermarkten, die auf einer letztendlich unüberprüfbaren Grundlage beruhen: auf der Bestimmung einer exakten Menge an Verschmutzung oder Naturzerstörung, die ohne das Kompensationsprojekt in Zukunft stattgefunden hätte.

 

Naturkapital

Die ökologische Ökonomie prägte Ende der 1980er Jahre den Begriff Naturkapital, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass Wirtschaftswachstum den Kapitalstock Natur in bedrohlichem Maße zerstört, statt sich lediglich aus dem Zuwachs zu speisen, den der Kapitalstock produziert. Die implizite Botschaft der ökologischen Ökonomie ist: Natur ist ein knappes Gut, dessen weitere Übernutzung verhindert werden muss. Wenn Natur als Naturkapital betrachtet wird, eröffnet dies Wege, diese Übernutzung zu beenden.

Um Natur als Naturkapital betrachten zu können, müssen die ökologischen Funktionen von Natur in ökonomischen Kategorien erfasst werden, als sogenannte Ökosystemleistungen. Grundsatzfragen zur Erfassung und Definition von Einheiten, die eine verlässliche und nachprüfbare Messung und einen Vergleich unterschiedlicher Ökosystemleistungen an unterschiedlichen Orten zulassen, bleiben bisher trotz jahrzehntelanger Forschung und Entwicklung ökonomischer Bewertungsansätze allerdings unbeantwortet.

Der Begriff Naturkapital erfährt in ökonomischen Analysen und politischen Statements zur Grünen Ökonomie eine Renaissance, jedoch mit anderem Inhalt: Einflussreiche Initiativen und Programme, die die Idee von Natur als Naturkapital vorantreiben, verlieren den Grundsatz des Mitbegründers der ökologischen Ökonomie, Herman Daly, aus den Augen, dass Ökonomie Teil der Ökologie ist. Daly propagierte die Festlegung globaler Grenzwerte, die die Nutzung von Natur auf ein „ökologisch nachhaltiges Maß“ begrenzen sollen. Für die Verteilung des zur Verfügung stehenden Naturkapitals bzw. der Erträge, die dieses Naturkapital produziert, spielen auch in Dalys Ansatz marktbasierte Instrumente eine wichtige Rolle. Preise sind hier jedoch primär ein Instrument, um die Verteilung eines begrenzten Gutes zu regeln, und keine Zahlung eines noch so hohen Preises konnte zur Überschreitung der festgelegten Grenzwerte führen.

„Der größte Denkfehler bei der Zusammenführung von Ökonomie und Ökologie ist eine Verwechslung von Teil und Ganzem“, schreibt Daly. Genau dieser Fehler ist jenen Naturkapitalinitiativen unterlaufen, die den Handel mit Kompensationsgutschriften und eine Finanzierung von Waldschutz oder die Renaturierung von Mooren durch Emissionsgutschriften propagieren bzw. abstrakte Preiskalkulationen durchführen. Ihr Augenmerk liegt auf der Festlegung von messbaren Ökosystemleistungen an unterschiedlichen Standorten, die zum Nachweis einer Kompensation (Zerstörung des Kapitalstocks) verrechnet werden können, und somit Eingriffe in die Natur in einem Ausmaß erlauben, das ökosystemare Grenzen (und oft auch gesetzliche Grenzwerte) überschreitet. Dieser Ansatz führt zwangsläufig dazu, Natur so zu definieren, dass Wachstum „grün“ erscheint, ohne aber Wirtschaft neu zu entwerfen.

 

Netto-Null-Emissionen

Der Begriff Netto-Null-Emissionen wird in zwei unterschiedlichen Kontexten benutzt. Zum einen beschreibt er das bestmögliche Resultat, das beim Kauf von Emissionsgutschriften erzielt werden kann: In der Summe gibt es keine zusätzliche Freisetzung von Treibhausgasen, denn die Emission an einem Ort wird durch eine zusätzliche Emissionsminderung anderswo ausgeglichen. Siehe auch Kompensationsgutschriften.

Seit 2015 wird der Begriff Netto-Null Emissionen auch in Verbindung mit dem klimapolitischen Schlüsselbegriff Dekarbonisierung verwendet. Im Allgemeinen wird darunter der Ausstieg aus der Nutzung der fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas verstanden. Dekarbonisierung muss jedoch nicht zwingend das Ende der Nutzung fossiler Energieträger bedeuten, wie die Diskussion um das 2015 im UN-Klimaabkommen von Paris festgeschriebene Ziel der Netto-Null-Emissionen zeigt: Statt Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger zu verhindern, indem man sie nicht mehr nutzt, soll das Ziel von Netto-Null-Emissionen durch den Einsatz umstrittener Technologien erreicht werden.

BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage) ist ein Beispiel für den neuen Ansatz der Netto-Null-Emissionen. BECCS bedeutet, dass großflächig Gras und Bäume angepflanzt werden, die Biomasse zur Stromerzeugung verbrannt und das ausgestoßene CO2 anschließend in geologische Reservoire gepumpt und dort abgelagert wird. Befürworter heben hervor, dass BECCS nicht nur Netto-Null-Emissionen liefere, sondern es möglich sei, mit dem Einsatz von BECCS sogenannte negative Emissionen zu erzeugen: Gras und Bäume speichern während ihres Wachstums Kohlenstoff, der bei BECCS in geologischen Reservoiren abgelagert wird. Dadurch sei er der Atmosphäre langfristig entzogen. Unbeachtet bleibt jedoch, dass sich die technologische Entwicklung von BECCS noch im experimentellen Stadium befindet, und dass eine Substitution fossiler Energieträger durch Biomasse enorme Landflächen in Anspruch nähme, sodass Landraub und zunehmende Konflikte um Land die unausweichliche Folge wären.

BECCS basiert auf der Entwicklung sogenannter CCS-Technologien, die das freigesetzte CO2 auffangen, abscheiden und in geologischen Reservoiren speichern (Carbon Capture and Storage). CCS wird aber von vielen als Hochrisikotechnologie eingestuft, und es gibt kaum Anlagen, die CCS in industriellem Maßstab einsetzen. Dennoch setzt unter anderem der Weltklimarat (IPPC) auf diese Hochrisikotechnologie, um eine Netto-Null-Emission zu erreichen. BECCS zählt zu den Technologien, die unter dem Oberbegriff des Geoengineering und in diesem Fall der Carbon Dioxide Removal-Technologien geführt werden.

 

Neue Ökonomie der Natur

Der Begriff Neue Ökonomie der Natur wird häufig synonym zu einer erweiterten Interpretation des Begriffs Finanzialisierung von Natur verwendet, die sich nicht auf den Handel von Finanzprodukten durch Finanzakteure beschränkt. Bei einer engen Auslegung des Begriffs Finanzialisierung wird die neue Ökonomie der Natur als Oberbegriff für die Gesamtheit der Ansätze zur ökonomischen Bewertung, Inwertsetzung und Finanzialisierung von Natur verstanden. Er beschreibt eine Vielzahl von Prozessen und Entwicklungen, die den ökonomischen Wert von Natur – genauer gesagt, von Funktionen und Prozessen wie Wasserfilterung, Kohlenstoffspeicherung, Erosionsschutz, die natürliche Lebensräume ohne menschliches Dazutun erfüllen – sichtbar machen sollen.

Durch das Sichtbarmachen des ökonomischen Werts von Natur soll – so die Annahme – die Zerstörung natürlicher Lebensräume verhindert und die Finanzierung von Schutzmaßnahmen durch die Einführung sogenannter innovativer Finanzprodukte und marktwirtschaftlicher Ansätze ermöglicht werden. Hierzu zählen unter anderem der Emissionshandel, der Handel mit Biodiversitätsgutschriften, Gutschriften zur Finanzierung von Moorrenaturierungen, Wiederbewaldungsgutschriften (Brasilien) oder die Einführung von Schuldscheinen für spezifische Schutzmaßnahmen (nature bonds). Viele dieser Instrumente werden im Zusammenhang mit dem Konzept der Grünen Ökonomie diskutiert.

 

Offset

Siehe Kompensationsgutschrift

 

Ökosystemleistung

Der Begriff Ökosystemleistung bezeichnet jene Funktionen und Prozesse natürlicher Lebensräume, die dem Menschen einen direkten oder indirekten wirtschaftlichen, materiellen, gesundheitlichen oder psychischen Nutzen bringen. Der Begriff ist somit an einen Nutzen für den Menschen gebunden. Das Millenium Ecosystem Assessment (MEA), eine groß angelegte und von den Vereinten Nationen initiierte Studie, definiert Ökosystemleistungen zusammenfassend als den Nutzen, den Menschen aus natürlichen Lebensräumen ziehen. Von 2001–2005 erfasste MEA erstmals 24 Schlüssel-Ökosystemdienstleistungen weltweit.

Synonym verwendet werden die Begriffe Ökosystemdienstleistung und ökosystemare Güter und Leistungen, sowie im englischsprachigen Raum der Begriff "ecosystem services". Siehe auch Naturkapital.

 

Ökonomische Bewertung von Natur

Der Begriff Ökonomische Bewertung von Natur umschreibt ein Bündel von Annahmen, Methoden und Berechnungen, die es ermöglichen, natürliche Lebensräume und deren Funktionen (z. B. Wasserfilterung oder Kohlenstoffspeicherung) ökonomisch zu erfassen und einen ökonomischen Wert für natürliche Prozesse und Funktionen von Lebensräumen zu ermitteln.

Bei der ökonomischen Bewertung von Natur werden natürliche Prozesse und Funktionen in Wirtschaftssprache gefasst (Naturkapital, Ökosystemleistung) und Maßeinheiten und Messverfahren entwickelt, mit denen Prozesse und Funktionen unterschiedlicher Standorte verglichen und wirtschaftlich bewertet werden können (Inwertsetzung).

Ziel der ökonomischen Bewertung von Natur ist es, ökonomische Kenngrößen für ausgewählte Funktionen und Bestandteile von Natur zu schaffen und Auswirkungen und Zielkonflikte unterschiedlicher Handlungsoptionen bei der Nutzung dieser Funktionen und Bestandteile sichtbar zu machen, und somit den Stellenwert von Natur zu stärken.

Es wird häufig betont, dass eine ökonomische Bewertung von Natur nicht gleichbedeutend ist mit der Finanzialisierung von Natur, oder mit Märkten für Ökosystemleistungen. Von politischer Relevanz ist jedoch, dass eine ökonomische Bewertung der Natur diese Mechanismen begünstigt, indem sie Methoden und Messverfahren entwickelt, die sowohl für eine ökonomische Bewertung als auch für den Aufbau von Märkten mit Ökosystemleistungen genutzt werden können.

Die Begriffe "Ökonomische Bewertung" und "Inwertsetzung von Natur" werden häufig synonym verwendet.

 

PES (Zahlung für Ökosystemleistungen)

Programme, die den Schutz ökologischer Leistungen honorieren, werden häufig unter dem Sammelbegriff Zahlung für Ökosystemleistungen zusammengefasst. Zuweilen wird auch die Abkürzung des englischen Begriffs "Payment for Environmental Services" bzw. "Payment for Ecosystem Services" verwendet: PES.

Unter dem Sammelbegriff PES lassen sich vier unterschiedliche Typen von finanziellen Honorierungen unterscheiden: (1) Programme, die ausgewählte ökologische Leistungen durch finanzielle Anreize im Rahmen von ordnungsrechtlicher Regulierung anbieten, z. B. Agrarumweltprogramme der Europäischen Union. Oder Programme, die den Erhalt von Wald in Wassereinzugsgebieten durch finanzielle Anreize sichern, wenn der Waldschutz durch ordnungsrechtliche Maßnahmen nicht oder nur schwer umsetzbar wäre, z.B. weil das Wassereinzugsgebiet ausserhalb der Gemeinde liegt; (2) Programme, mit denen Unternehmen lokale Naturschutzprojekte finanzieren, häufig in der Nähe von Produktionsstandorten des Unternehmens, an denen übermäßiger Wasserverbrauch oder Verschmutzung zu lokalen Konflikten geführt haben; (3) freiwillige Kompensationsprogramme, bei denen die Höhe der Finanzierung an den Nachweis einer quantifizierten Schutzleistung geknüpft ist (z. B. Projekte, die sich aus dem Verkauf von Emissionsgutschriften an Einzelpersonen oder an Unternehmen ohne gesetzliche Emissionsbegrenzung finanzieren); (4) Maßnahmen zum Schutz oder zur Renaturierung natürlicher Lebensräume, die durch den Verkauf von Kompensationsgutschriften finanziert werden. Die Gutschrift berechtigt diejenigen, die eine Gutschrift erwerben, einen gesetzlichen oder gesellschaftlichen Grenzwert für Verschmutzung oder Zerstörungen eines natürlichen Lebensraums legal zu überschreiten.

Kritik macht sich insbesondere an Programmen der Typen (3) und (4) fest.

 

REDD / REDD+

REDD ist die Abkürzung für Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation in Developing Countries. Der Grundgedanke von REDD ist es, Emissionen von Treibhausgasen aus Entwaldung und zerstörerischer Waldnutzung zu mindern, und somit einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Die Emissionsminderung soll durch finanzielle Anreize für nachweislich vermiedene Waldzerstörung erreicht werden. Bei REDD+ werden auch Emissionseinsparungen aus Waldschutz und forstlicher Nutzung von Wäldern finanziell honoriert. Der Ansatz wird seit 2007 im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen diskutiert, und REDD+ wurde 2015 im UN Klimaabkommen von Paris verankert.

Ungeklärt und von Anbeginn strittig ist die Finanzierung von REDD+. Im Englischen wird die Finanzierung von REDD+ oft als "results-based" oder "performance-based" bezeichnet, da sie an den Nachweis einer Emissionsminderung (ausgedrückt in Tonnen vermiedener Kohlenstoffemissionen) geknüpft ist. REDD+ setzt somit voraus, dass die Emissionsminderung messbar und überprüfbar ist – eine Voraussetzung, die von Kritiker/innen aufgrund zahlreicher methodischer Unzulänglichkeiten und Annahmen in Frage gestellt wird. Aus entwicklungspolitischer Sicht steht der Ansatz in der Kritik, da die Emissionsminderung zwangsläufig mit einer Änderung der Landnutzung verbunden ist. Diese Nutzungsänderung betrifft oft den Wanderfeldbau und die kleinbäuerliche Waldnutzung, ohne dass die finanziellen Anreize den Menschen, die im Wald leben und von den Nutzungseinschränkungen betroffen sind, zugutekommen.

 

TEEB

TEEB steht für The Economics of Ecosystems and Biodiversity (Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität). Die Initiative wurde von der Bundesregierung 2007 im Rahmen der G8-Präsidentschaft Deutschlands initiiert. Ihr Ziel ist, zu zeigen, dass sich Schutz und nachhaltige Nutzung von Natur auch unter ökonomischen Aspekten lohnen. Unter Federführung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) wurde die einflussreiche TEEB-Studie durchgeführt. In ihr wurden Daten zum globalen wirtschaftlichen Nutzen der biologischen Vielfalt zusammengetragen. Diese wurden mit ökonomischen Kennzahlen erfasst, um so die ökonomischen Auswirkungen von Biodiversitätsverlust messbar zu machen. Die monetäre Bewertung von sogenannten Ökosystemleistungen sollte die Kosten unverminderter Schädigung und Übernutzung von natürlichen Lebensräumen und biologischer Vielfalt verdeutlichen.

Die Initiative "Naturkapital Deutschland" ist ein vom Bundesumweltministerium gefördertes Vorhaben, das die TEEB-Initiative in Deutschland fortführt. Von 2012 bis 2016 ist die Erarbeitung von vier thematischen Berichten vorgesehen, die ökonomische Argumente für die Erhaltung von Naturkapital in Deutschland liefern sollen.

 

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers "Neue Ökonomie der Natur".

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