Macher und Profiteure der neuen Ökonomie der Natur

Macher und Profiteure der neuen Ökonomie der Natur

Der Ruf nach einer ökonomischen Bewertung von Natur ist verknüpft mit der Forderung nach einer flexibleren Umsetzung von Gesetzen. Davon profitieren vor allem Wirtschaftszweige, deren Geschäftsmodell den Raubbau an der Natur bedingt.

Coal mining near Garzweiler, GermanyGerade beginnt die Nachtschicht im Braunkohle-Tagebau bei Garzweiler in Nordrhein-Westfalen – Urheber/in: unefunge. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Selbst Institutionen wie die Weltbank, UNEP und die OECD sowie Wirtschaftslobbyist/innen wie der World Business Council for Sustainable Development oder das Consumer Goods Forum erkennen an, dass ein „Weiter-wie-bisher“ die Lebensgrundlagen der Menschheit gefährdet. Sie alle setzen auf eine ökonomische Bewertung von Natur und schlagen immer öfter vor, Obergrenzen für Zerstörung und Verschmutzung festzulegen.

Insbesondere die Weltbank und UNEP, ebenso wie internationale Naturschutzorganisationen wie The Nature Conservancy, Conservation International und WWF, sowie private Consultingfirmen und transnationale Konzerne wie Rio Tinto, Unilever oder Walmart, engagieren sich in Foren wie dem Business and Biodiversity Offsets Programme (BBOP), der Natural Capital Coalition (ehemals TEEB for Business Coalition; TEEB steht für The Economics of Ecosystems & Biodiversity) und Kongressen wie dem World Forum on Nature Capital für die Akzeptanz des Ansatzes.

Was zunächst verwundern mag – Industrieverbände fordern Grenzwerte? – erscheint in einem anderen Licht, wenn man weiß, dass der Ruf nach Grenzwerten mit der Forderung mehr Flexibilität in der Umsetzung verknüpft ist. Die Flexibilität soll das Prinzip „kompensieren statt reduzieren“ gewährleisten: Eine Obergrenze für Zerstörung von biologischer Vielfalt, für Zersiedlung oder den Ausstoß von Treibhausgasen kann von einem Unternehmen legal überschritten werden, solange der Nachweis erbracht wird, dass der Schaden, der über den Grenzwert hinausgeht, an anderer Stelle ausgeglichen wird.

So ließe sich etwa das in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung festgelegte Ziel erreichen, bis zum Jahr 2020 die Zersiedlung auf maximal 30 Hektar pro Tag zu reduzieren, ohne dass Gemeinden mit hoher Nachfrage nach zusätzlicher Bebauungsfläche ihre tatsächliche Inanspruchnahme unbebauter Fläche begrenzen müssen.

Grenzüberschreitungen

Auch im UN-Klimaabkommen von Paris, das im Dezember 2015 verabschiedet wurde, hat die internationale Staatengemeinschaft einen Grenzwert festgelegt. Der durchschnittliche globale Temperaturanstieg soll auf deutlich weniger als 2° Celsius begrenzt werden. Gleichzeitig legt das Abkommen fest, dass dies nicht zwangsläufig ein Ende der Freisetzung fossiler Emissionen bedeuten muss. Es wird lediglich ein „Gleichgewicht zwischen anthropogenen Emissionen und der Aufnahme von Treibhausgasen in Senken in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts“ angestrebt.


Trailer der Arte-Dokumentation Natur – Spekulationsobjekt mit Zukunft

Als Senken werden unter anderem Wälder bezeichnet, denn wachsende Bäume nehmen das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf und speichern es vor allem in Holz, Wurzeln und in der Humusschicht des Bodens. Dem Ende der Verbrennung fossiler Energieträger stellt das Klimaabkommen von Paris also die Option zur Seite, die Freisetzung von Treibhausgasen aus fossilen Brennstoffen zu kompensieren statt zu reduzieren.

Von einem solchen Kompensationsansatz profitieren vor allem Konzerne und Investoren, deren Geschäftsmodell Raubbau an der Natur bedingt: industrielle Landwirtschaft, Bergbau sowie Landschaften zersiedelnde Infrastruktur und Urbanisierung. Kompensationsgutschriften ermöglichen so die weitere Expansion und damit die Zerstörung und Verschmutzung von Natur, während durch sie gleichzeitig Produkte als klimaneutral oder urwaldfrei vermarktet werden können.

Die Finanzbranche beteiligt sich kaum

Darüber hinaus nutzen Investoren und Konzerne Kompensationsgutschriften, um lokale Widerstände gegen die Zerstörung von Natur zu delegitimieren, indem sie darauf verweisen, dass die Naturzerstörung ja an einem anderen Ort ausgeglichen werde. „Es darf [...] nicht so weit kommen, dass Bäume zur Ersatzreligion werden – zumal wir ja vollständigen Ausgleich leisten“, kommentiert der Direktor eines Vergnügungsparks in Nordrhein-Westfalen den Widerstand gegen die Entwidmung eines Naturschutzgebiets für die Erweiterung des privaten Vergnügungsparks.

Für Anbieter von Kompensationsgutschriften, für Betreiber von sogenannten Biodiversitätsbanken und für Consultingfirmen, die die notwendigen technischen Dokumente und Methoden entwickeln, für Zertifizierungsunternehmen und auch für internationale Naturschutzorganisationen, die als Vermittler und Anbieter von Kompensationsprojekten fungieren, stellt der Handel mit Kompensationsgutschriften einen neuen Wirtschaftszweig dar.

Im Gegensatz zum anfänglich großen Interesse des Finanzsektors am Emissionshandel beteiligt sich die Finanzbranche bisher kaum am Handel mit Kompensationsgutschriften. Auch vom Emissionshandel haben sich Banken und Finanzinvestoren inzwischen weitestgehend zurückgezogen. Zu niedrig erscheinen die Gewinnspannen seit dem Einbruch der Preise für Emissionszertifikate und -gutschriften nach 2009: Emissionszertifikate im EU-Emissionshandel werden für 5 Euro gehandelt; der Preis für Emissionsgutschriften aus CDM-Projekten liegt deutlich unter 0,5 Euro; Umsatzsteuerkarussellbetrug und zahlreiche Fälle, in denen Kleinanleger, insbesondere in Großbritannien und Australien, bei Investitionen in den Scheinhandel mit Emissionsgutschriften um ihr Erspartes geprellt wurden, unterstreichen zudem die Anfälligkeit des Emissionsmarktes für Missbrauch und Betrug.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers "Neue Ökonomie der Natur".

Zum Weiterlesen:

  1. Finance & Trade Watch. Finanzialisierung der Natur. Webdossier.
  2. Kill, J. (2014): Ökonomische Bewertung von Natur. Eine kritische Betrachtung.
  3. Natur – Spekulationsobjekt mit Zukunft. Arte Dokumentation 2. Februar 2015.

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