Flüchtlinge wollen Ausbildung und Arbeit

Flüchtlinge wollen Ausbildung und Arbeit

Wartende Geflüchtete am Bahnhof in Tovarnik in KroatienWie hier in Tovarnik mussten sich die Strukturen erst an die Menge der durchreisenden Menschen anpassen (aufgenommen in Tovarnik, Kroatien, September 2015). Urheber/in: Erik Marquardt. All rights reserved.

Flüchtlinge sollen schnell in Arbeit kommen. Aber der Behördenweg von der Ankunft eines Flüchtlings bis zu der Möglichkeit, einer qualifizierten Arbeit nachgehen zu dürfen, ist sehr lang.

„Bisher hat mich niemand gefragt, 
welche Qualifikation ich habe, welche Ausbildung. 
Das kommt vielleicht, wenn ich eine Aufenthaltsgenehmigung habe. 
Auf jeden Fall, wenn ich Deutsch gelernt habe, 
danach können wir uns beim Job-Center melden.
Wie lange das dauert, das ist die große Frage. 
Bei manchen ein Jahr, bei anderen zwei Jahre.“
(Flüchtling aus Syrien)

Klaus Möhle, Sozialpolitischer Sprecher der SPD in Bremen und bis vor wenigen Jahren noch Abgeordneter für die Grünen, ist im Grunde seines Herzens ein alter Sponti. Er wollte durch einen Parlamentsbeschluss erreichen, dass bei der Registrierung der Flüchtlinge gleich ihre berufliche Qualifikation abgefragt wird. Das scheiterte schon im Vorfeld – an der Zustimmung des grünen Koalitionspartners. Angeregt worden war Möhles Initiative von einer besonderen Geschichte: Ihm war berichtet worden, dass zwei Frauen eine Krankenschwester-Ausbildung machen sollten und sich die Ausbilder wunderten, dass die beiden soviel Ahnung hatten. Sie fragten nach – und erfuhren, dass sie ausgebildete Ärztinnen vor sich hatten, nach deren Qualifikation sich offenbar niemand erkundigt hatte.

Es dauert, bis Flüchtlinge auf Grundlage früher erworbener Qualifikationen arbeiten dürfen. In ihren Notaufnahmelagern dürfen Flüchtlinge so offiziell jedenfalls nicht einmal Hand anlegen, wenn etwas zu reparieren ist. Erst nach der Registrierung kommt der Deutschkurs und dann stellt sich die Frage, ob sie ihre behauptete Qualifikation mit Papieren nachweisen können und welche der im Ausland erworbenen Abschlüsse anerkannt werden und wie die Qualifikation festgestellt werden kann, wenn die Flüchtlinge keine Papiere mit Stempel über das Mittelmeer hinüberretten konnten.

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle des Sommers 2015 hat die Handelskammer Bremen/Bremerhaven eine Initiative „Flüchtlinge in Ausbildung" gestartet. Auf den Aufruf der Kammer hin haben sich über 200 Ausbildungsbetriebe im Land Bremen gemeldet und über 300 Ausbildungsplätze, 166 Plätze für Einstiegsqualifikationen und 231 Praktikumsplätze bereitgestellt. Das sei „ein starkes Signal der bremischen Wirtschaft“, hatte Bremens Bürgermeister Carsten Sieling dazu gesagt, aber das ist natürlich viel zu wenig: „Ich würde mich sehr freuen, wenn weitere Unternehmen und Betriebe diesem Beispiel folgen und Ausbildungsplätze und Praktika zur Verfügung stellen."  
Im April 2015 hatte die Stadt Bremen zusammen mit der Handwerkskammer und Handelskammer immerhin 50 Plätze für eine halbjährige „Einstiegsqualifizierung“ in verschiedenen Berufen angeboten, die Maßnahmen haben zum 1. September 2015 begonnen.

„Ich arbeite den ganzen Tag nur noch an diesem Thema“, erklärt Karlheinz Heidemeyer, Geschäftsführer der Handelskammer und zuständig für Aus- und Weiterbildung. Die große Frage ist, welche Qualifikation denn die Flüchtlinge haben, welche Ausbildung angemessen und realistisch sein kann. „Wir wissen das nicht“, sagt Heidemeyer, danach frage das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht. Solange aber unbekannt ist, welche Qualifikationsmaßnahmen erforderlich sind, können die ausbildungswilligen Betriebe nicht planen. Unter den meist jugendlichen Flüchtlingen sind viele, die in ihren Heimatländern eine Ausbildung absolviert haben – nach den jeweiligen örtlichen Kriterien. Aber insbesondere bei den Flüchtlingen, die aus ländlichen Gegenden von Afghanistan kommen, stellen die Betreuer in den Übergangswohnheimen eine erhebliche Quote von Analphabeten fest. Einen Überblick hat niemand.

An den Bremer Berufsschulen hatte es bisher überschaubare fünf oder sechs Klassen für Jugendliche ohne Sprachkenntnisse gegeben, in denen im Sinne von „Vorklassen“ rund 100 Menschen die erforderlichen Deutschkenntnisse beigebracht wurden. Inzwischen rechnet die Bildungsbehörde mit einem Bedarf von mehr als 50 Vorklassen und deutlich mehr Sozialarbeiter/innen als bisher. Wobei die Bremer Berufsschulen bei der Definition der Schulpflichtigkeit großzügig sind – auffallend viele kommen derzeit mit einem Geburtsdatum 1.1.1998 an, also gerade minderjährig. Die Berufsschule stellt solche Altersangaben nicht infrage.

Flüchtlinge, die ein Erwachsenenalter angeben, werden von der Arbeitsagentur an die Berufsschule zum Sprachkurs geschickt. Anders als etwa in Bayern kommt in Bremen in solche Kurse nur hinein, wer als Flüchtling anerkannt ist. 

Mit dem Bremer Beschäftigungsträger BRAS.e.V. plant die Sozialbehörde ein besonders zukunftsweisendes Projekt: Rund 330 afghanische Minderjährige sollen in einer Art Wohngemeinschafts-Internat untergebracht werden, um dort ihren Alltag selbst zu organisieren und praktisch im eigenen Haus an Sprachkursen und berufsvorbereitenden Kursen teilzunehmen. Das Haus gibt es schon, nur die Finanzierung steht noch nicht.

Weitere Beiträge zur Flüchtlingspolitik in Bremen finden Sie auf der Länderseite unseres Dossiers "Wie schaffen die das? Die Flüchtlingspolitik der Länder" (zur Startseite).

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