6. Europäisches Geschichtsforum: Das Epochenjahr 1917

6. Europäisches Geschichtsforum: Das Epochenjahr 1917

Das Europäische Geschichtsforum 2017 fragt danach, wie an unterschiedlichen Orten Europas (mit Schwerpunkt auf Ost- und Südosteuropa) an das Epochenjahr 1917 erinnert wird. Aus den dominanten Narrativen können Schlussfolgerungen für die aktuelle Verfasstheit der Regionen gezogen werden.

Es ist in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung zu einer kleinen Tradition geworden: Einmal jährlich trifft sich in der grünen politischen Stiftung ein internationaler Kreis an Historiker/innen, Soziolog/innen, Medien- und Kulturschaffenden sowie Vertreter/innen von Nichtregierungsorganisationen, um beim „Europäischen Geschichtsforum“ miteinander ins Gespräch zu kommen. Am 22. und 23. Mai fand die Konferenz, die in Kooperation mit dem wissenschaftlichen Informationszentrum „Memorial“ durchgeführt wird, nun bereits zum sechsten Mal statt.

An der öffentlichen Veranstaltung nimmt stets eine bunt gemischte Zuhörerschaft teil. Denn das Forum richtet sich an alle, die sich beruflich, ehrenamtlich oder privat für die Geschichte des 20. Jahrhunderts interessieren.

Dieses Mal blickten die Konferenzteilnehmer beim Geschichtsforum einhundert Jahre zurück. Was bewegte damals die Welt im Allgemeinen und den europäischen Kontinent im Besonderen? Und wie wirken die Ereignisse von damals im Heute nach?

Das Jahr 1917 markiert einen historischen Scheidepunkt in mehrfacher Hinsicht

Der Erste Weltkrieg bestimmte 1917 das Zeitgeschehen. Der Kriegseintritt der USA im April desselben Jahres markierte ihre Übernahme der Rolle einer europäischen Ordnungsmacht. Im Januar 1918 propagierte der US-amerikanische Präsident Woodrow Wilson in seinem 14-Punkte-Plan das Prinzip nationaler Selbstbestimmung und die Idee des Völkerrechts als Grundlage internationaler Beziehungen. Der nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Völkerbund versuchte diese Ideen erstmals zu institutionalisieren.

Der Sturz der russischen Zarenherrschaft im Februar 1917 und die Machtübernahme durch die Bolschewiki im November desselben Jahres hatten ebenfalls auf ganz Europa ausgestrahlt. Der Umsturz an sich vollzog sich zunächst als Befreiung von autoritärer Herrschaft und ging mit Hoffnungen auf Fortschritt, Gerechtigkeit und nationale Selbstbestimmung einher. Doch mit der bolschewistischen Option der „Arbeiter- und Bauernmacht“ etablierte sich in Russland eine kleine revolutionäre Avantgarde mit Lenin an der Spitze, die alle politischen, ökonomischen und militärischen Machtressourcen beanspruchte.

Das Jahr 1917 geriet letztlich zur geografischen Bruchlinie zwischen zwei verschiedenen Auffassungen von Volkssouveränität: der liberal-demokratischen mit ihren rechts- und verfassungsstaatlichen Institutionen im Westen und des durch Plebiszite legitimierten Führungsanspruchs der kommunistischen Kaderpartei im Osten.    

Die kritische, wissenschaftliche und öffentliche Auseinandersetzung fördern

Als Gastgeber des sechsten Geschichtsforums begrüßten Walter Kaufmann, Leiter des Referats Ost- und Südosteuropa der Heinrich-Böll-Stiftung, und Irinia Sherbakova, Mitinitiatorin der Menschenrechtsorganisation Memorial, die Teilnehmer. Beide betonten die Wichtigkeit des Dialogs in einer Zeit, in der Geschichte erneut zur Legitimierung von Krieg und Propaganda benutzt werde. „Das Forum hat seine Aktualität in den vergangenen Jahren nicht verloren“, sagte Irina Sherbakova. „Denn die Geschichte des 20. Jahrhunderts lässt uns noch immer nicht los.“

Walter Kaufmann unterstrich noch einmal das Ziel der Konferenz: Es gehe nicht um die Wiedergabe eines aktuellen Forschungsstandes, sondern darum, eine kritische, wissenschaftliche und öffentliche Auseinandersetzung zu fördern. Die eigene Perspektive auf die Geschichte zu erkennen, sie zu erörtern und in den internationalen Austausch mit anderen Perspektiven zu bringen – das sei Sinn und Zweck der Veranstaltungsreihe.

Wie die bolschewistische Machteroberung unsere Welt bis heute prägt

Gerd Koenen, Historiker und Publizist, leitete die Konferenz mit einem Einführungsvortrag unter dem Titel „Im Zirkel der Geschichte? Wie die bolschewistische Machteroberung unsere Welt geprägt hat“ ein und gab damit einen gelungenen Auftakt in die zweitägige Auseinandersetzung mit dem Epochenjahr 1917.

„Mit was für einem Russland hatte man es zu tun?“, fragte Gerd Koenen zu Beginn. Das Land habe ein ausgeprägtes Bürgertum gehabt, eine ausgeprägte Arbeiterschaft, die Menschen seien sehr jung gewesen. Bereits seit 1891 habe sich eine große zivilgesellschaftliche Bewegung entwickelt. 1905 mündete der Unmut der Menschen in einer ersten revolutionären Erhebung. „Über Monate waren Hunderttausende in Streiks, meuterten, neue Zeitschriften kamen heraus, die Schwelle der Zensur wurde durchbrochen.“ Der Zar schlug die Revolution allerdings brutal nieder. „Nichts war gelöst. Russland steckte in einer Entwicklungskrise.“

Im Februar 1917 sei es zu ähnlichen Szenen gekommen. Die Ereignisse reihten sich dieses Mal in eine Reihe von Umstürzen ein, die damals in der Türkei, in China und im Iran stattfanden. „Es fand, könnte man sagen, eine Welle eurasischer Revolutionen statt.“ Doch keine davon sei mit Russland zu vergleichen.

Nach dem Sturz der zaristischen Regierung war in St. Petersburg eine provisorische Regierung eingesetzt worden: Im linken Flügel saß der Arbeiter- und Soldatenrat, im rechten die provisorische Regierung aus liberalen, bürgerlichen Reformern, Sozialisten und Sozialrevolutionären. „Lenin bezeichnete diese Herrschaft als Doppelherrschaft, dabei gab es die gar nicht.“ Bis in den September/Oktober 1917 hinein hätten beiden Seiten miteinander kooperiert, betonte Gerd Koenen. Es sei sogar eine fortschrittliche Neuverfassung für das Land entworfen worden.

Lenins Blick war immer auf die totale Macht gerichtet

Doch Lenin habe von diesen Entwicklungen nichts wissen wollen, was selbst seine Parteigenoss/innen irritierte. Er bezeichnete die provisorische Regierung als Verrat. Man müsse sie bekämpfen, forderte er. „Lenin handelte immer aus einer Minderheit heraus, setzte sich immer durch, das ist schwer nachzuvollziehen für Historiker/innen.“

Als die Bolschewiken im November 1917 an die Macht kamen, habe Lenin nur ein Ziel verfolgt: „Sein Blick war immer auf die absolute, totale Macht gerichtet“, sagte Gerd Koenen. „In dem Sinne könnte man wirklich sagen, er ist der Erfinder des politischen Totalitarismus im 20. Jahrhundert.“ Eine Herrschaftsform, die den Anspruch habe, alle Lebensbeziehungen der Menschen untereinander – bis ins Denken hinein – zu gestalten. „Die Gesellschaft sollte insgesamt umgeformt werden, was in dieser Situation als vollkommen unmöglich erscheint, als ein absurdes Vorhaben, denn es richtet sich gegen einen großen Teil der Gesellschaft.“ Doch der Krieg habe es ermöglicht.

Nach dem Versailler Vertrag las sich die bolschewistische Weltaufstellung wie folgt: „Die Welt hat sich geteilt, in Siegermächte, die später als die Westmächte bezeichnet werden, und eine große unterdrückte Welt, zu der auch Deutschland gehört.“ Die Bolschewiken pflegten mit der Weimarer Republik eine wirtschaftliche Sonderbeziehung, die im Rapallo-Vertrag 1922 verifiziert wurde; bis 1933 hielt die Zusammenarbeit mit der deutschen Armee an – „eine konspirative Zusammenarbeit, bei der alle modernen Waffensysteme entwickelt wurden, die im Zweiten Weltkrieg aufeinanderprallten. Das war keine Kleinigkeit diese Zusammenarbeit“. Erst durch Hitlers Pakt mit Polen sei eine Kehrtwende in der bolschewistischen Politik eingetreten. Eine kurze Phase des Antifaschismus setzte ein. Zuvor habe man das Spiel mit den faschistischen Mächten weitergespielt – trotz der Inhaftierung von Kommunisten.

Der reale Sozialismus, der sich später in der Sowjetunion etablierte, habe bis zum Zerfall 1989 die Züge eines Kriegsrealismus gezeigt, sagte Gern Koenen. „Das war das stabilste Charakteristikum.“ Alle kommunistischen Mächte seien zu einer „außerordentlichen, militärischen Kraftentfaltung fähig gewesen, allerdings so gut wie zu keiner zivilgesellschaftlichen oder zivilökonomischen“. Dieser Jahrhundertweg gebe einem heute zu denken.

Wie erinnert Russland an die Ereignisse von 1917?

Viele Jahrzehnte lang wurden in Ost- und Südosteuropa Kinder darin erzogen, die russische Revolution im Oktober/November 1917 als Beginn der großen Befreiung zu erinnern, die Menschen weltweit aus sozialer und nationaler Unterdrückung erlösen sollte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist aus der heroischen Zwangs-Erinnerung von einst eine heterogene Mischung aus Verurteilung, Verdrängung oder partieller Vereinnahmung geworden. Welche Ereignisse von 1917 werden heute aktiv erinnert, welche verdrängt? Wie sieht das offizielle Geschichtsbild aus? Fragen, die Boris Kolonickij – Historiker aus St. Petersburg, und Elena Rozhdestvenskaja – Soziologin aus Moskau, im Anschluss an Gerd Koenens Eröffnungsvortrag erläuterten.

2007 sei an die russische Revolution mit einem größeren Staatsakt erinnert worden, sagte Boris Kolonickij. 2017 wisse er hingegen noch nicht, wohin die Reise geht. Er erwarte keine großen Ereignisse. Geschichtspolitisch betrachtet, sei jedoch in Russland nichts so unvorhersehbar wie die Vergangenheit.

Umfragen zufolge herrsche in der Bevölkerung ein Desinteresse an dem Thema. Allerdings habe jeder eine starke Meinung dazu. Es gebe wenige neue Publikationen, lediglich einzelne Veranstaltungen und Ausstellungen. Eine seiner Annahmen, dass Verschwörungstheorien zunehmen würden, habe sich bestätigt. Größere politische Initiativen blieben bisher aus. Zwar habe das russische Kulturministerium die Idee eines „Denkmals für nationale Versöhnung“ auf den Weg gebracht, doch bisher fehle dafür das Geld. Ob es auf der Krim tatsächlich realisiert werde, sei fragwürdig.  Insgesamt habe er den Eindruck, dass die Regierung sich wünsche, dass das Jahr 2017 so schnell wie möglich vergeht.

Was er nicht habe kommen sehen, sei die Kritik an der Revolution von Seiten der Russisch-Orthodoxen Kirche. Auch neue Geschichtsprojekte, wie das „Projekt 1917. Freie Geschichte“ habe er nicht erwartet. Das Online-Portal, das sich vor allem an Jugendliche richtet und Geschichte multimedial erzählt, wurde im Laufe des Geschichtsforums vom Publizisten und Redakteur Andrey Borzenko noch näher vorgestellt. Es sei ein Versuch, historische Prozesse einmal anders wiederzugeben – und dabei an Orte zu gehen, die bei jungen Menschen sehr beliebt sind, sagte Andrey Borzenko. Das heißt in die sozialen Netzwerke. Im „Projekt 1917“, das seit 2016 unter https://project1917.com online ist, wird täglich getwittert und gepostet – auf Facebook, VKontakte, Twitter und Instagram. 

Der Streik der Arbeiterinnen von 1917 ist heute vergessen

Mit Elena Rozhdestvenskajas Beitrag zur politischen und sozialen Rolle von Frauen in Russland heute und vor einhundert Jahren wurde der Rückblick auf die Revolution um die Gender-Dimension erweitert. Denn die Revolution im Februar 1917 war unmittelbar auch mit feministischen Emanzipationsforderungen verknüpft. Die Textilarbeiterinnen von Wyborg hatten am 8. März 1917 –  nach dem alten julianischen Kalender war es der 23. Februar – in Petrograd (heute St. Petersburg) zum Streik aufgerufen. Sie stießen fortschrittliche Prozesse an, eine Zeit lang waren Abtreibungen genehmigt, Ehescheidungen möglich, die Partnerwahl eine freie. Sie forderten volles Bildungs- und Wahlrecht für Frauen.

In der späteren Sowjetunion wurden Frauen dann zwar in Bildung und Beruf Männern gleichgestellt, aus relevanten politischen Entscheidungsprozessen blieben sie jedoch weitgehend ausgeschlossen. Vor allem wurde in der Sowjetunion die traditionelle Lastenverteilung im Haushalt nie in Frage gestellt, was zu einer permanenten Doppel- und Überbelastung von Frauen führte.

Heute beobachte sie in der russischen Gesellschaft eine neokonservative Entwicklung. Vom 8. März, der Anfang der 1920er Jahre zum „Internationalen Frauentag“ ernannt wurde, ist bereits seit sowjetischer Zeit nur eine Art Muttertag mit Liebesbekenntnissen und Blumen geblieben. An den politischen Streik der Arbeiterinnen am 8. März 1917 denkt heute niemand mehr.      

Interpretation des Revolutionsjahres in Ost- und Südosteuropa

Am Ende des Ersten Weltkrieges brachen das Russische und das Osmanische Imperium auseinander, und auch die Österreich-Ungarische Doppelmonarchie löste sich auf. Der Traum von der sozialen Befreiung wurde vielfach überlagert vom Streben nach nationaler Selbstbestimmung – angefeuert durch die russische Revolution wie durch die Thesen des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. In Ost- und Südosteuropa erlebten viele Länder tiefgreifende Umbrüche, die in unterschiedlichen Neuordnungsversuchen endeten.

I - Ein Blick nach Georgien

Welche Vorstellungen dominierten 1917 in Georgien? Welche Entwicklungen gab es dort? Levan Lortkipanidze – Politologe aus Tbilisi, und Beka Kobakhidze – Historiker, ebenfalls aus Tbilisi, umrissen die Geschehnisse von damals und ihre Wirkung heute.

1917 brachte die Februarrevolution in Russland auch in Georgien die zaristische Ordnung zu Fall. Eine kurze Periode der Emanzipation folgte, an die gegenwärtig allerdings wenig erinnert werde, sagte Levan Lortkipanidze. Am 26. Mai 1918 erklärte Georgien sich als unabhängig, doch der junge Staat – die Demokratische Republik Georgien – hatte nicht lange bestand. Drei Jahre später wurde er von der Roten Armee besetzt und zerschlagen.

In der sehr kurzen, eigenständigen Periode habe es allerdings eine Reihe von fortschrittlichen Entwicklungen gegeben: Es fanden freie Wahlen statt, an denen Frauen wie Männer teilnehmen durften. Die mit großer Mehrheit gewählte Regierung der sozialdemokratischen Menschewiki führte verschiedene Reformen durch, dazu gehörte die Einführung des Mindestlohns, der Rentenversicherung, des Arbeitslosengeldes und des Achtstundentages. „Arbeiter/innen und Hochschulmitarbeiter/innen bekamen das gleiche Gehalt“, sagte Beka Kobakhidze.

Seit 2010 gebe es verschiedene einzelne Bewegungen in Georgien, die fordern, dass dieser Teil der Geschichte nicht vergessen werden dürfe, sagte Levan Lortkipanidze. Doch bisher stehe die sowjetische Vergangenheit immer noch im Vordergrund.

II – Ein Blick auf die Ukraine

Andrii Portnov, Historiker aus Dnipro mit Wohnsitz in Berlin, übernahm in seinem Beitrag die nicht einfache Aufgabe, die Entwicklung der Ukraine in den Jahren 1917 bis Anfang der 1920er Jahre zu beschreiben. Die Ukraine sei damals zwischen zwei Imperien aufgeteilt gewesen – dem österreich-ungarischen und dem russischen, erinnerte Andrii Portnov. Zwischen 1917 und 1921 habe auf beiden Seiten die sogenannte ukrainische Revolution stattgefunden.

Im westlichen Teil hatte sie zur Folge, dass 1918 die Westukrainische Volksrepublik ausgerufen wurde. Im Osten hingegen habe es mehrfache Machtwechsel in kürzester Zeit und verschiedene lokalpolitische Projekte gegeben. Jene anarchistischen Volksbewegungen, die über große Armeen verfügten, kämpften gegeneinander. Sie seien sehr stark sozialistisch und nationalistisch geprägt gewesen. Allerdings habe es keine einheitliche Idee gegeben, wie eine unabhängige Ukraine aussehen könnte. Vielmehr sahen sie die Ukraine zwar als autonom, aber dennoch als ein Teil Russlands an.

Mindestens drei große Staatsgebilde habe es in der Ostukraine allein 1918 gegeben: die Ukrainische Volksrepublik in Kiew, die im Januar von der Zentralna Rada als unabhängig erklärt wurde, das Hetman Skoropadskyj-Regime, das durch einen Putsch im April in Kiew an die Macht kam, und die Ukrainische Sowjetrepublik in Charkiv.

Mit der Einnahme Kiews durch die Bolschewiken folgte im Januar 1919 die Ausrufung der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Obwohl alle ukrainischen Projekte damit den Kampf gegen die Sowjet-Macht verloren hatten – einige gingen ins Exil, andere wurden umgebracht oder kamen ins Gefängnis – so erfuhr die Ukraine dennoch eine erstmalige Anerkennung. „Die Grenzen wurden erstmals anerkannt, und auch die ukrainische Sprache und Literatur. Das ist auch irgendwie ein Paradox“, sagte Andrii Portnov.

III – Ein Blick auf die Balkan-Region

Srdjan Milosevic, Historiker aus Belgrad, Petar Todorov, Historiker aus Skopje, und Amir Duranovic, Historiker aus Sarajewo, beleuchteten gemeinsam die Auswirkungen der russischen Revolution beziehungsweise des Ersten Weltkrieges auf die Balkan-Region.

Srdjan Milosevic riss in einem kurzen Überblick die Gründung des Königreichs Jugoslawien im Jahr 1918 an. Einer Monarchie, die unter serbischer Leitung stand. Alle Prozesse seien von Belgrad aus diktiert worden, eine föderalistische Struktur habe man für den Vielvölkerstaat, der auch als Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen bezeichnet wurde, nie vorgesehen, konstatierte er.

Unterstützung bekam diese Form der serbisch-orthodox dominierten Staatsbildung vor allem aus dem zaristischen Russland, mit dem sich bis nach der Revolution eine Sonderbeziehung herausbildete, an die man heute in Serbien gerne wieder anknüpft. So wurde zum 100. Jahrestag des Beginns des ersten Weltkriegs 2014 in Belgrad ein Denkmal für Zar Nikolaj II. aufgestellt. „Ich glaube, es ist das größte seiner Art außerhalb Russlands“, sagte Srdjan Milosevic.  

Petar Todorov ging in seinem sich anschließenden Beitrag auf die Erinnerungskultur Mazedoniens an den Ersten Weltkrieg ein. An der Aufarbeitung der Geschichte hege die Politik heute kein Interesse. Vielmehr werde der Krieg als Katastrophe für das mazedonische Volk dargestellt, das zu einem Opfer der Geschehnisse wurde. „Der Opfermythos wird hervorgehoben“, sagte Petar Todorov. Die historischen Ereignisse würden politisiert und nicht ausreichend analysiert. Die mazedonische Geschichtsschreibung werde stattdessen durch ein ethnisches Prisma gesehen, in dem die Komplexität von Geschichte außen vorgelassen wird. „Wir brauchen für Mazedonien einen Neustart“, forderte Petar Todorov.

Amir Duranovic rundete die Balkan-Runde des Geschichtsforums mit einem Blick auf Bosnien-Herzegowina ab, das erst Teil des Osmanischen Reiches und ab 1878 zum Österreich-Ungarischen Reich zählte. Die österreichisch-ungarische Verwaltung habe eine pluralistische, multikonfessionelle bosnische Nation etablieren wollen, ein Projekt, das allerdings nicht realisiert wurde. Denn ab 1918 zählte Bosnien-Herzegowina zum serbisch geführten Königreich Jugoslawien. Jede größere ethnische Gruppierung – ob die muslimischen Bosniaken, die Serben oder die Kroaten – sei damals von einer eigenen Partei repräsentiert worden.

Einhundert Jahre später habe sich an der Grundsituation nicht viel geändert: Die Parteienlandschaft sei noch komplexer geworden; jede ethnische Gruppierung beanspruche eine eigene Sichtweise auf Bosnien-Herzegowina. „Die Debatten von 1917 und 2017 ähneln sich heute immer noch“, sagte Amir Duranovic. „Es scheint, als habe man aus der Vergangenheit nichts gelernt.“

Abschlussdiskussion und Ausblick

Zum Abschluss der Konferenz wurde die Frage in den Raum gestellt, welche Schlussfolgerungen aus den gehörten Beiträgen und Diskussionen gezogen werden könnten. Eine Beobachtung sei das unveränderte Verhältnis von kleineren Nationen zu Großmächten, meinte Andreas Poltermann, der bis 2016 das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Belgrad leitete. Wenn die Kleinen sich emanzipieren wollten, gebe es stets eine andere, zweite Großmacht, die sie in ihren Bestrebungen unterstützt. Dies sei seiner Meinung nach notwendig, denn eine nationale Emanzipation könne sich nicht ohne einen internationalen Rahmen oder ohne eine garantierte Ordnung vollziehen. Die Europäische Union sei ein bislang sehr erfolgreicher Versuch, einen solchen internationalen Rechtsrahmen zu bieten, nationale Emanzipation und internationalen Interessenausgleich in die Balance zu bringen.

Mit Sorge blickte er auf die Entwicklungen in der heutigen USA, die sich aus der bestehenden Ordnung möglicherweise zurückzieht und eine „America First“-Politik durchsetzt. Das seien für kleine Länder keine guten Nachrichten, in diesem Sinne auch für Deutschland, das sich unter den liberalen Bedingungen gut entwickeln konnte. Die USA wolle zurück in eine Balance der Großmächte, und habe deshalb auch kein Problem mit einem Russland, das ans 19. Jahrhundert anknüpft.

Eine andere Forderung äußerte Irina Sherbakova von Memorial. Geschichte müsse wieder „normalisiert“ und zu einer Wissenschaft werden, sagte sie. „Jeder hat eine Meinung zur Geschichte, das ist fast schon eine tragische Entwicklung.“ Denn es gehe bei Geschichte nicht um Meinung, sondern darum, Ursachen und Folgen sowie Zusammenhänge zu erkennen. Das sei ein Aspekt, den man im Mai 2018, beim nächsten Geschichtsforum, sicherlich erneut diskutieren werde.

Anhang: Exkursionen

Wie auch in den vergangenen Jahren, fanden während des Europäischen Geschichtsforums drei Exkursionen statt. Das Angebot rundete die theoretischen Ausführungen ganz praktisch ab. Ein Teil besuchte mit dem Berliner Historiker Jürgen Hofmann den „Sozialistenfriedhof“ in Berlin-Friedrichsfelde. Eine weitere Gruppe besuchte das Deutsche Historische Museum, wo sie vom Referenten Michael Adam eine Führung durch das Museum mit besonderem Blick auf die russische Revolution 1917 und ihrer Auswirkungen auf Deutschland erwartete. Darüber hinaus erkundete eine dritte Exkursionsgruppe mit dem Politik- und Kulturwissenschaftler Andrej Tchernodarov die biographischen Spuren der Revolutionszeit und der goldenen 1920er Jahre in Charlottenburg.  

Veranstaltungsbericht in englischer und russischer Sprache

Verwandte Inhalte

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben