Eine neue Natur im Schlepptau der Grünen Ökonomie

Eine neue Natur im Schlepptau der Grünen Ökonomie

Die Grüne Ökonomie verspricht, ein Dilemma aufzulösen: die Lebensbedingungen auf der Erde erhalten ohne dabei das Wirtschaftswachstum einzuschränken. In Wahrheit geht es ihr jedoch darum, Natur marktkonform neu zu definieren.

Infografik: Handel mit Renaturierungsgutschriften an der "Grünen Börse"" in BrasilienIn Brasilien können Landbesitzer 'Renaturierungsgutschriften' an einer "Grünen Börse" (bvrio.org) kaufen – und illegal gerodete Flächen weiterhin für lukrative Rinderzucht oder Sojaanbau nutzen statt sie, wie gesetzlich vorgeschrieben, zu renaturieren. Urheber/in: Lynne Stuart. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Politische Entscheidungsträger/innen stehen angesichts der immer schwerer zu ignorierenden ökologischen Krise vor einem Dilemma: Sie sollen sicherstellen, dass die Lebensbedingungen auf dem Planeten Erde erhalten bleiben, ohne die industrielle Produktion und das Wirtschaftswachstum über Gebühr einzuschränken.

Ordnungsrechtliche Ansätze, die artenreiche Gebiete schützen sollen und Grenzwerte für besonders giftige oder umweltschädigende Substanzen festlegen, sind ebenfalls zunehmend mit diesem Dilemma konfrontiert. Auf der einen Seite wird immer wieder postuliert, dass Arten- und Naturschutz nicht funktioniert, denn die biologische Vielfalt werde immer noch und immer schneller zerstört. Auf der anderen Seite fordern Raumplaner und Unternehmen, deren Wirtschaftsmodell auf einem uneingeschränkten Zugang zu natürlichen Ressourcen und Land basiert, eine Flexibilisierung des ordnungsrechtlichen Rahmens, weil die seit den 1960er Jahren geltende, konventionelle Umweltgesetzgebung zunehmend den Zugang zu den verbleibenden natürlichen Ressourcen erschwert.

Die Grüne Ökonomie schaut nur auf die Symptome

In diesem Kontext verspricht die Grüne Ökonomie, kapitalistisches Wirtschaften naturverträglich zu gestalten. Eine wichtige Voraussetzung dafür sehen Befürworter/innen der Grünen Ökonomie darin, „Natur sichtbar zu machen“: Nur eine ökonomisch erfasste Natur, so das Argument, sei für Ökonom/innen, Unternehmen und politische Entscheidungsträger/innen sichtbar. Durch eine solche Bewertung würde die „Ökosystemleistung“ zu einem ökonomisch relevanten Wirtschaftsfaktor. „Diese sogenannten Ökosystemdienstleistungen finden sich meistens in der Natur öffentlicher Güter und Dienstleistungen, deren wirtschaftliche Unsichtbarkeit bis heute ein Hauptgrund für ihre Unterbewertung, Missmanagement und letztlich Verlust war“, schreibt etwa das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in einer Broschüre aus dem Jahr 2011. Auf der Basis eines sichtbar gemachten ökonomischen Wertes von Natur lasse sich sehr viel überzeugender für den Erhalt der Naturschätze argumentieren, so die Befürworter/innen der neuen Ökonomie der Natur.

Ein Blick auf Diskurse, Methoden und Instrumente der Grünen Ökonomie zeigt jedoch, dass es eben nicht darum geht, Wirtschaft neu zu denken. Vielmehr zielt die im Rahmen der Grünen Ökonomie propagierte ökonomische Bewertung darauf ab, Natur marktkonform neu zu definieren. Diese ökonomische Neudefinition von Natur als „Naturkapital“, das „Ökosystemleistungen“ zur Verfügung stellt, macht die lebenserhaltenden Funktionen von Wäldern und Wiesen, Sümpfen und Mooren als Wasser- und Kohlenstoffspeicher sowie als Hort biologischer Vielfalt ökonomisch erfassbar. Einmal ökonomisch erfasst, lassen sich unterschiedliche „Ökosystemleistungen“ miteinander vergleichen. Dadurch werden sie austausch- und handelbar. Die Definition von neuen Maßeinheiten erlaubt darüber hinaus eine Bepreisung einzelner „Ökosystemleistungen“.

Setzt sich das Argument durch, dass die bisher fehlende ökonomische Bewertung die Ursache für die Zerstörung der Natur ist, dann konzentriert sich auch die Suche nach Lösungen und Handlungsansätzen auf die Ökonomisierung von „Ökosystemleistungen“ und auf die Betrachtung von Natur als „Naturkapital“. Die Konsequenz: Viele strukturelle Ursachen der Natur-, Klima- und Wasserkrise sowie des Verlusts biologischer Vielfalt und fruchtbarer Böden werden unsichtbar und bei der Suche nach Lösungen und Auswegen nicht mehr umfassend berücksichtigt. Eine äußerst komplexe Problemlage wird auf ökonomische Kennzahlen reduziert, wodurch eine tatsächliche Lösung der Krisen noch unwahrscheinlicher wird, weil anstatt der Ursachenbekämpfung die Behebung der Symptome im Vordergrund steht.

Natur - ein Konstrukt aus mess- und bewertbaren Einheiten?

Es verwundert nicht, dass nationale Regierungen, Unternehmen und internationale Pioniere der ökonomischen Bewertung von Natur wie die Weltbank und UNEP bei der ökonomischen Bewertung von Natur vor allem auf den Handel mit Kompensationsgutschriften setzen. Gesetze, die vormals bei Grenzwertüberschreitungen Strafen für Verschmutzung und Zerstörung vorsahen, erlauben solche Überschreitungen nun gegen Zahlung einer Gebühr. Dies erleichtert das Überschreiten gesetzlicher Grenzwerte dort, wo Naturzerstörung oder Verschmutzung für ein Unternehmen lukrativ ist. „Ziel ist es, Umweltgesetzgebung in handelbare Instrumente zu transformieren“, so der Gründer der Grünen Börse BVRio, Pedro Moura Costa.

Die zunehmende Verankerung bzw. Stärkung des Kompensationsansatzes ist ein paradigmatischer Wechsel in der Umweltgesetzgebung, denn Kompensationsgutschriften suggerieren, dass es möglich ist, Klimaschutz und biologische Vielfalt mit dem Wachstum von industrieller Landwirtschaft, Flugverkehr, Bergbau etc. in Einklang zu bringen. Das Konzept der Kompensationsgutschriften wurde auch deshalb zur Leitidee der Grünen Ökonomie.

Neue Maßeinheiten und die Praxis der Kompensationsgutschriften verwandeln einzigartige, an einen bestimmten Ort gebundene Natur zu einem Naturkonstrukt aus messbaren, bewertbaren und austauschbaren Einheiten. Das Verhältnis der Menschen zur Natur und die sozialen Beziehungen, die jeden Lebensraum einzigartig und unvergleichbar machen, werden hier notwendigerweise außer Acht gelassen, obwohl sie durch dieses neue Verständnis von Natur und die mit ihr verbundenen Aneignungsformen massiv berührt sind.

Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers "Neue Ökonomie der Natur".

Zum Weiterlesen:

  1. Fatheuer, T., L. Fuhr, B. Unmüßig (2015): Kritik der Grünen Ökonomie.
  2. Kill, J. (2015): Economic Valuation and Payment for Environmental Services. Recognizing Nature's Value of Pricing Nature's Destruction? Heinrich-Böll-Stiftung E-Paper.
  3. Fatheuer, T. (2014): Neue Ökonomie der Natur Eine kritische Einführung. Heinrich-Böll-Stiftung Schriften zur Ökologie 35.

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